Die Lehre von der Kindschaft
Römer 8,14–18:
Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder. Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, auf daß ihr abermals fürchtet, sondern ihr habt den Geist der Kindschaft empfangen, durch welchen wir rufen: Abba, Vater. Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, daß wir Gottes Kinder sind. So wir aber Kinder sind, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi, so wir sonst mitleiden, auf daß wir auch mit verherrlicht werden. Denn ich achte, daß die Leiden dieser Zeit nicht wert sind gegen die Herrlichkeit, die an uns soll offenbart werden.
Die Lehre von der Kindschaft nimmt in der Schrift einen zentralen Rang ein. Sie ist insbesondere für die neutestamentliche Theologie von grundlegender Bedeutung. Dennoch wird sie in der jüngeren theologischen Diskussion kaum noch behandelt, allenfalls am Rande erwähnt. Der Grund liegt auf der Hand.
Ein Beispiel aus der Zeitgeschichte mag das Problem verdeutlichen: Als in den siebziger Jahren ein bekannter Evangelist in Deutschland eine Großveranstaltung durchführte, veröffentlichte eine kirchliche Monatsschrift sowohl zustimmende als auch kritische Beiträge. Der kritische Artikel zog einen Vergleich zu Martin Luther. Der Verfasser führte aus, daß die Lehre des Evangelisten auf einem bloßen Herzenswandel durch freien Willensentschluß beruhe, während Luthers „sola gratia“ tiefer greife. Der Evangelist wisse nicht, wie weit er von Luther entfernt stehe.
Diese Kritik berührt einen entscheidenden theologischen Punkt. Wird Gott als universeller Vater aller Menschen und alle Menschen als natürliche Kinder Gottes verstanden, so besteht eine natürliche Beziehung zu Gott, die nicht gänzlich abgebrochen werden kann. Der Mensch kann dann nach Belieben „heimkehren“. Die biblische Lehre von der Kindschaft steht dem diametral entgegen: Sie ist nicht Naturgegebenheit, sondern souveräner Akt Gottes. Der Geist der Kindschaft wird empfangen, nicht aus eigenem Vermögen erzeugt. Er bewirkt das Rufen „Abba, Vater“ und das Zeugnis, Kinder Gottes zu sein. Kindschaft bedeutet Erbberechtigung — Miterbschaft mit Christus —, die untrennbar mit dem Leiden mit ihm verbunden ist, um auch mit ihm verherrlicht zu werden. Die Herrlichkeit, die offenbart werden soll, überwiegt alles gegenwärtige Leiden bei weitem.
Nach Billy Graham ist ein Glaubensakt das, was der Mensch zu tun beschließt. Für Martin Luther war ein Glaubensakt die Gabe Gottes. Der heilige Paulus hingegen gebrauchte, wenn er von Glauben und Kindschaft, von Heil sprach, das Wort Kindschaft ganz bewusst; denn bei der Kindschaft wählt nicht das Kind die Eltern, sondern die Eltern wählen das Kind. Es liegt ganz bei den Eltern. Immer wieder verwendet Paulus Bildsprache, die Gottes souveräne Wahl bekräftigt: die Sprache der Kindschaft. Er vergleicht den Sünder mit einem, der tot ist in Sünden und Übertretungen, und durch Christus lebendig gemacht wird. Kein Toter kann sich selbst lebendig machen. So betont die Sprache der Schrift an jedem Punkt die Souveränität Gottes im Heil. Wird die Wahl dem Menschen zugeschrieben, so mag eine solche Theologie eine fundamentalistische oder modernistische Version haben — sie ist humanistisch, sie leugnet die Souveränität Gottes und bejaht, daß der freie Wille des Menschen das Letzte ist. Der Mensch kann Gott die Tür öffnen oder verschließen. Christus kann nicht in das Herz des Menschen eintreten, es sei denn, der Mensch läßt ihn herein. Eine solche Theologie hat keine Lehre von der Kindschaft. Sie macht den Menschen zum Souverän; sie ist humanistisch.
Das Westminster-Bekenntnis äußert sich sehr pointiert zur Lehre von der Kindschaft. Es erklärt: »Alle, die gerechtfertigt sind, macht Gott um und für seinen eingeborenen Sohn Jesus Christus teilhaftig der Gnade der Kindschaft, durch die sie in die Zahl der Kinder Gottes aufgenommen werden und die Freiheiten und Vorrechte der Kinder Gottes genießen. Sein Name wird auf sie gelegt, sie empfangen den Geist der Kindschaft, haben freien Zugang zum Gnadenstuhl, sind befähigt, zu rufen: Abba, Vater. Sie werden erbarmt, beschützt, versorgt und gezüchtigt von ihm wie von einem Vater, doch niemals verworfen. Versiegelt auf den Tag der Erlösung, erben sie die Verheißungen als Erben des ewigen Heils. Die Rechtfertigung ist jener Gnadenakt, durch den wir sündigen Untertanen von Gottes Regierung in die Zahl derer aufgenommen werden und ein Recht und einen Anspruch auf alle Vorrechte des Reiches Gottes erhalten.«
Adoption ist jener Gnadenakt, durch welchen wir gefallenen Sünder in die Zahl der Söhne Gottes aufgenommen und mit all ihren Rechten und Vorrechten begnadet werden. Das eine bezieht sich auf das Knechtsverhältnis, das andere auf das Kindesverhältnis; das eine stellt die Sohnschaft wieder her, das andere führt zur Sohnschaft. Im Sündenfall verlor der Sünder nicht nur die Rechte und die Stellung eines Kindes, sondern auch das Herz und den Geist des Kindes. Das heißt, er verlor augenblicklich sowohl seine kindliche Stellung als auch seine kindliche Natur. Er bedarf nun eines Heilsplanes, um sowohl seinen kindlichen Status als auch seinen kindlichen Geist wiederzuerlangen. Die Wiedergeburt ist jener Akt rettender Gnade, der ihm wenigstens ansatzweise seine verlorene kindliche Gesinnung wiedergibt, während die Adoption jener Gnadenakt ist, der ihm seinen kindlichen Stand zurückgibt. Durch das eine wird ihm das Herz eines Kindes geschenkt, durch das andere die Rechte eines Kindes. Beides ist von unaussprechlicher Wichtigkeit. Die Sohnschaft ist einerseits ein gesetzliches Recht und Vorrecht, andererseits die entsprechende kindliche Gesinnung, die dem rechtlichen Kindesstand entspricht. So stimmt die Adoption an einem Punkt mit der Rechtfertigung und an einem anderen mit der Wiedergeburt überein, weil der Heilsplan, wie auch immer er im Denken analysiert wird, in strenger Wirklichkeit eins und unteilbar ist. Es ist überaus hilfreich für das Verständnis des Heilsplanes, die Adoption als eigenen Artikel des christlichen Glaubens zu behandeln.
In der Erklärung des Westminster-Bekenntnisses und dem Kommentar Robert Alexander Webbs dazu sehen wir deutlich, daß das Heil wie ein nahtloses Gewand ist. Rechtfertigung, Wiedergeburt und Adoption sind allesamt Aspekte desselben. Jeder betont eine besondere Form oder einen besonderen Aspekt der Lehre. Es ist daher wichtig zu erkennen, daß es von Gott ist und unwiderruflich. Denn der Begriff Adoption verweist auf etwas, das in der griechisch-römischen Welt jener Zeit ein unwiderrufliches Rechtsverfahren war. Niemand, der adoptiert worden war, konnte enterbt werden.
Ein leiblicher Sohn konnte enterbt werden. Ein adoptierter Sohn nicht. Zweck dieses Gesetzes war freilich, der Adoption einen Riegel vorzuschieben, so daß sie unumkehrbar wurde. Daher wussten die Schriftsteller des Neuen Testaments, insbesondere der heilige Paulus, bei der Verwendung dieses Begriffs genau, was er bedeutete. Da Gott uns gerettet hat, kann niemand dieses Heil rückgängig machen. Es ist ein unumkehrbarer Akt Gottes. Unsere Kindesannahme gilt für Zeit und Ewigkeit.
Wenden wir uns nun den psychologischen Aspekten dieser Lehre zu, um ihre Auswirkungen auf den Menschen zu verstehen. Kindesannahme bedeutet, daß unser Verhältnis zu Gott nicht nur auf einer rechtlichen Grundlage beruht, das heißt auf der Forderung nach Gehorsam, sondern auch auf einer familiären Grundlage. Es ist persönlich und liebevoll. Beides gehört zusammen. Tugenden lassen sich nicht trennen. Es ist ein moderner Mythos, daß jemand in einem Bereich moralisch verkommen sein kann, in einem anderen aber sehr weise und tugendhaft. Tugenden gehören zusammen und bedingen einander.
Die Lehre von der Kindesannahme lehrt uns, daß die verwüstende Einsamkeit, die den Sünder, den Humanisten kennzeichnet, in einer neuen Schöpfung Christus weicht. In dieser neuen Schöpfung, erklärte der heilige Paulus, ist alles euer.
1. Korinther 3,21–23
Alles ist euer; ihr aber seid Christi, Christus aber ist Gottes.
Das bedeutet Erbberechtigung. Miterbe in Christus zu sein, heißt, gesegneter Besitzer aller Dinge in Zeit und Ewigkeit zu sein. Das bedeutet, daß die Erde geschaffen wurde, um der Bereich der Herrschaft und des Erbes des Menschen unter Gott zu sein. Und sie ist ihm als Miterbe in Christus wiedergegeben worden. Es bedeutet auch, daß die Ewigkeit unser Schicksal, unser Erbe, unser Besitz ist.
So daß der Umfang unseres Erbes, sowohl in der Zeit als in der Ewigkeit, unsere Vorstellungskraft übersteigt. Unser Leben ist mit mehr verbunden als mit uns selbst und mit weit mehr, als wir uns vorstellen können. Für den Humanisten ist die Vorstellung, daß das Leben eines Menschen mit mehr verbunden sei als mit ihm selbst — mit der Zukunft, dem Reich Gottes, anderen Menschen in Christus, der Ewigkeit —, unverständlich. Er weigert sich zu glauben, daß dies möglich sei. Für den Gläubigen aber ist das Leben mehr als er selbst. Er glaubt und baut für mehr als den heutigen Tag. Er hat eine Zukunft. Gerade dieser Aspekt schwindet in der modernen Zivilisation. Einst war er Teil des Lebens der westlichen Welt, der Christenheit. Die Menschen handelten im Hinblick auf mehr als den heutigen Tag. In jeder Lage dachten sie an mehr als an sich selbst, doch dies ist nun vorbei.
Vor kurzem las ich ein sehr interessantes Buch, das ein hochrangiger britischer Offizier verfaßt hatte, der als Beobachter und Augenzeuge die Ereignisse des Zweiten Balkankrieges von 1913 miterlebt hatte. Er war ein durch und durch moderner Mensch, und so machte ihn der Anblick dieser Männer, die noch eine alte christliche Vergangenheit besaßen, zu einem gewissen Außenseiter. Mit einer gewissen Verwunderung daher berichtete er vom Tod eines Bauernsoldaten während des Zweiten Balkankrieges, der am Tor eines Klosters starb. Ich zitiere:
„Seine Geschichte war schnell erzählt. Er war ein bulgarischer Soldat, der von einer türkischen Kugel nahe der Wirbelsäule getroffen wurde und verstarb. Einige Bauern hatten ihn auf einem Feld gefunden und, von Mitleid erfüllt, zum Klostertor gebracht, damit er zumindest nicht allein sterben müsse. Bauern sind immer gütig. Jene, die diese Wohltat verrichteten, gehörten keiner besonderen Rasse an; obgleich ihr Leben hart war, hatten sie ihre menschliche Sympathie nicht verloren, nicht einmal in Kriegszeiten.“
Eine Frau legte ein Kissen unter sein Haupt, ein Mönch kniete an seiner anderen Seite und sprach Worte, die sterbende Menschen trösten. Dann redete er. Die Stimme war schwach, doch klar. In atemloser Stille vernahm man die letzte Botschaft eines Mannes, dessen irdischer Lauf zu Ende ging. Seine Gedanken waren fern, aber nicht bei Frau oder Kindern. Auch das Heil seiner Seele beunruhigte seine Sterbestunde nicht. Er besaß ein Stück Land in einem Tal, nicht weit entfernt. Dort hatte er sein Leben zugebracht und all seine Liebe und Sorge hingegeben. Jener Landstrich war ihm teuer, und im Sterben gedachte er seiner, um letzte Anweisungen für die Herbstsaat des kommenden Jahres zu geben.“ Zitat Ende.
Dergleichen war einst in der ganzen Christenheit alltäglich. Für diesen Bauern war das Land sein Berufung unter Gott. Und wie seine Vorfahren vor ihm und seine Nachkommen nach ihm gehörte er zum Land, gleichwie das Land zu ihm gehörte. Es war seine Haushaltung unter Gott. So daß selbst in seinem Tod keine Selbstbezogenheit bestand. Das Leben mußte fortgehen, und er gab Anweisungen, damit es ordnungsgemäß fortgehen konnte.
Der Apostel Paulus spricht in unserem Text von Kindesannahme und Erbberechtigung. Denn so viele vom Geist Gottes getrieben werden, die sind Gottes Kinder. Denn ihr habt nicht den Geist der Knechtschaft empfangen, auf daß ihr abermals fürchtet, sondern ihr habt den Geist der Kindesannahme empfangen, durch den wir rufen: Abba, Vater. Der Geist der Knechtschaft. Das ist das, was wir hinter uns gelassen haben, sagt der Apostel. Was nun ist der Geist der Knechtschaft? Er bedeutet wörtlich den Geist der Sklaverei. Man kann ihn entweder als Geist der Knechtschaft oder als Geist der Sklaverei übersetzen.
Wenn wir von Sklaverei sprechen, ist es wichtig zu wissen, welche Art von Sklaverei der Apostel meint. Es gibt einerseits die staatliche Sklaverei. Sie ist die häufigste in der Welt. Wenn ein Staat Menschen besitzt. Wie die Millionen, die den Pharaonen und den Kaisern der Antike gehörten, und die unzähligen Millionen in den Arbeitslagern der sowjetischen Union.
Es handelt sich um brutal behandelte Menschen, die schnell zu Tode gearbeitet werden. Dies ist nicht die Art von Sklaverei, von der der heilige Paulus spricht. Er meint den privaten Sklavenbesitz. Dies ist der Geist der Knechtschaft, den er im Blick hat.
Warum? In Israel sah das Gesetz keine Zwangssklaverei vor. Es kannte nur freiwillige Sklaven. Was war ein freiwilliger Sklave? Jemand, der den Härten der Welt nicht gewachsen war und sich selbst samt seiner Arbeitskraft an einen anderen verkaufte; er gab sein Bürgerrecht auf und erhielt im Gegenzug für Kost, Logis und Unterkunft Sicherheit. Mit anderen Worten: Es war eine Form von Fürsorgewesen. Wollte er gehen, konnte er gehen — es sei denn, es handelte sich um Knechtschaft zur Abarbeitung einer Schuld oder er hatte sich für eine bestimmte Zahl von Jahren verkauft.
Folglich ist der Geist der Knechtschaft, von dem der heilige Paulus spricht und von dem er sagt, daß alle Gläubigen davon erlöst worden sind, der Geist eines Menschen, der das Leben fürchtet, der dem Wettbewerb und den Problemen des Alltags nicht gewachsen ist und der daher die Verantwortung der Freiheit nicht will.
Diese Art von Sklaverei bestand in vielen Teilen der Welt und besteht in einigen noch heute; so beispielsweise im Kaukasus bis zum Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Als die Truppen des Zaren den Kaukasus eroberten, ließ der russische Statthalter die einheimischen Häuptlinge kommen und ordnete die Abschaffung der Sklaverei an. Er war überrascht über die bereitwillige Kooperation der Sklavenbesitzer. Am nächsten Tag erschien jedoch eine zornige Delegation von Sklaven, die protestierten: Die Sklaverei sei ihr heiliges Recht; viele von ihnen seien erblicher Adel, andere frei; der Zar habe die Rechte des einheimischen Adels zu achten.
Dies versetzte den Vizekönig in große Bestürzung, woraufhin eine Kommission eingesetzt wurde, um die Vorgänge zu untersuchen. Deren Bericht war höchst aufschlußreich, und eine gekürzte Fassung desselben sei hier zitiert. Das von der Kommission zusammengetragene Material brachte erstaunliche Tatsachen ans Licht. Die Haussklaven gehörten in der Tat den ältesten aristokratischen Familien des Landes an. Vor Jahrhunderten hatte ein verarmtes Familienmitglied seine Freiheit an einen Fürsten verkauft. Dabei waren die Rechte und Pflichten des neuen Sklaven und seiner Nachkommen genau festgelegt. Die Sklaven waren lediglich verpflichtet, die Arbeit zu verrichten, die der Stammvater ihrer Linie ausgeübt hatte. Dafür wurden sie zeitlebens von ihren Herren unterhalten und in bestimmten Fällen mit Geschenken bedacht. Im Laufe der Zeit verarmten die Fürsten, während sich die aristokratischen Sklaven in verheerendem Ausmaß vermehrten. So kam es, daß mancher Sklavenhalter sein gesamtes Einkommen für den Unterhalt der Nachkommen seines ursprünglichen Sklaven aufwenden mußte. War der erste von ihnen Koch oder Stallknecht gewesen, so konnten all seine Nachkommen – und ihre Zahl wuchs im Laufe der Zeit auf Dutzende an – nichts anderes sein als Köche oder Stallknechte. Ein Sklavenhalter mit drei Pferden mußte dreißig Stallknechte nebst Familien unterhalten, die in seinem eigenen Haus lebten und Geschenke von ihm forderten. Ein anderer, der selbst von der Hand in den Mund lebte, hatte zwanzig Köche nebst Familien zu seiner Verfügung, und keinem von ihnen kam es in den Sinn, etwas anderes zu tun, als in der Küche herumzulungern. Alle Sklaven besaßen gültige Urkunden, die ihre Stellung schützten, und sie betrachteten den Versuch, sie zu befreien, als brutales Unrecht und Verletzung ihrer alten Privilegien. Für die meisten Herren hingegen bedeutete die Entledigung ihrer Sklaven ein bisher unbekanntes Glück.
Der Zar verfügte schließlich, daß für sie ein Jahr lang gesorgt werde; binnen dieses Jahres hätten sie für ihren eigenen Unterhalt zu sorgen.
Heute nun, da die Menschen nicht Christen sind, bemächtigt sich ihrer derselbe Geist der Knechtschaft. Daher rührt die Beschaffenheit unserer Welt. Ob es sich um Kapitalisten, Multimillionäre oder Arbeiter handelt – sie alle teilen den Geist unerneuerter Menschen, den Geist der Knechtschaft, den Geist der Sklaverei.
Der Apostel Paulus sagt: Ihr habt nicht den Geist der Knechtschaft empfangen, auf daß ihr abermals fürchtet. Mit anderen Worten: Die Furcht ist das Kennzeichen des Sklaven. Das griechische Wort für Furcht ist fast dasselbe wie das für Flucht. Es ist der Geist der Sklaverei, der vor Problemen davonläuft — vor Not, vor allem, was den Einzelnen bedroht. Der Ungläubige, so Paulus, hat den Geist der Knechtschaft oder der Sklaverei, der ihn auf jedes Problem, jede Krise, jede Verantwortung mit Furcht reagieren läßt, was Flucht bedeutet.
Übrigens kennt die Schrift mehr als ein Wort für Furcht. Ein anderes bedeutet Ehrfurcht; die Furcht des Herrn ist ehrfürchtig und trägt auch die Bedeutung von Vorsicht. Hier aber bedeutet das Wort Flucht — Davonlaufen vor Verantwortung. Furcht, Flucht ist also das Kennzeichen eines Sklaven: das Streben nach mutterleibartiger Sicherheit, die Unwilligkeit, Verantwortung zu übernehmen. Das griechische Wort für Furcht ist phobos, woraus unser „Phobie“ hervorgegangen ist. Der Geist der Knechtschaft, der Geist der Sklaverei, ist eine Phobie gegenüber Verantwortung und Freiheit.
Damit ist etwas über unsere heutige Politik ausgesagt. Unsere Politik ist die Politik unregenerierter Menschen, die Politik eines Zeitalters, das Christus verleugnet. Keine politische Partei und keine konservative Bewegung wird die Lage ändern, wenn Gottes Wort wahr ist. Denn der Geist der Knechtschaft, der Geist der Sklaverei, ist der Geist des Unglaubens; er ist der Geist der Flucht vor Verantwortung, der Phobie, wo immer Verantwortung im Spiel ist.
So wollen die Kapitalisten Schutz vor Konkurrenz, die Arbeiter Sicherheit von der Wiege bis zur Bahre, und jedermann will vor dem Leben geschützt sein. Der Geist der Knechtschaft strebt einer Traumwelt zu. Er will der Realität entfliehen in eine Welt eigener Einbildung. Beim Gläubigen aber wird dieser Geist der Knechtschaft oder Sklaverei durch die Kindschaft ersetzt. Paulus sagt: Ihr habt den Geist der Kindschaft empfangen; ihr habt ihn nicht erworben, sondern als Gabe empfangen, ganz aus souveräner Gnade. Zudem sagt er, diese Kindschaft sei noch nicht vollendet. Im 23. Vers heißt es:
Römer 8,23 Nicht allein sie, sondern auch wir, die wir die Erstlinge des Geistes haben, seufzen auch in uns selbst und warten auf die Kindschaft, nämlich die Erlösung unseres Leibes.
Unser Geist ist also unwiderruflich zur Kindschaft angenommen, und in der kommenden Welt wird auch unser Leib die Kindschaft empfangen, die unwiderrufliche Aufnahme in die Sohnschaft. So werden wir den Auferstehungsleib anziehen. Dieser Glaube gibt dem Menschen eine zukunftsgerichtete Orientierung, eine Hoffnung. Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur, eine neue Schöpfung, erklärt Paulus. Die alte Welt, die er kennt, stirbt um ihn herum, und eine neue Welt kommt ringsum zur Geburt; darum kann er sich auch freuen. „Freut euch abermals, und abermals sage ich: Freut euch!“ — weil er die Gewißheit des Sieges kennt.
Der Geist der Knechtschaft ist zugleich der Geist der Sünde und des Todes. Daher nennt der Apostel Paulus ihn in Vers 21 die Knechtschaft der Verderbnis: „Denn auch die Kreatur wird frei werden von der Knechtschaft der Verderbnis zur herrlichen Freiheit der Kinder Gottes.“ Das hier mit „Verderbnis“ übersetzte Wort bedeutet auch Zerstörung. Man kann es ins Englische sowohl mit corruption als auch mit destruction wiedergeben; es trägt beide Bedeutungen. So ist der Geist der Sklaverei, der Geist der Knechtschaft, der unsere Generation allenthalben umgibt, weil er gottlos ist, der Geist der Zerstörung und der Geist der Verderbnis.
Er wird fortfahren zu verunreinigen, er wird fortfahren zu zerstören, er wird fortfahren zu verderben, was er auch berührt. Diesen Prozeß läßt sich durch keine Gesetzessammlung umkehren. Allein die rettende Gnade Gottes in Jesus Christus vermag es. Denn der Geist der Sklaverei, der Knechtschaft, ist der Geist der Verderbnis, der Zerstörung. Aber, so sagt der Apostel im 14. Vers: „Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Söhne.“ In diesem Abschnitt, vom 14. Vers bis zum Kapitelende, ist bemerkenswert, wie der Apostel zwischen den Begriffen „Söhne“ und „Kinder“ wechselt. „Söhne“ wird verwendet, wo Reife betont wird. Wir haben den Geist der Kindschaft empfangen, wir sind nun Gottes Söhne; mit anderen Worten: wir sind in eine Stellung versetzt, die Reife fordert, die Wachstum fordert. Dagegen wird das Wort „Kinder“ in den Versen 16, 17 und 21 gebraucht. In Vers 16 steht „Kinder“ im Verhältnis zu Gott im Kontrast zu seiner Majestät und souveränen Gnade. In Vers 17 bezeichnet „Kinder“ die Miterbenstellung neben dem Sohn. Christus ist der Erbe von Natur aus, als der eingeborene Sohn des Vaters. Ihm gegenübergestellt sind die Söhne, wir sind Kinder. In der dritten Instanz, Vers 21, weil jene herrliche Freiheit, die Auferstehung, in ihrer Fülle noch zukünftig ist, sind wir Kinder in unserer Erfahrung dieser Freiheit. Kindschaft bedeutet Erbberechtigung. Sie bedeutet Erlösung vom Geist der Knechtschaft oder Sklaverei. Sie bedeutet Erlösung von der Gesinnung der Enterbten.
Der Begriff „Gesinnung der Enterbten“ ist höchst aufschlußreich. Er wurde von den Humanisten selbst geprägt, um sich selbst zu beschreiben. Tatsächlich gibt es ein sehr beachtliches Buch über die führenden Humanisten des vergangenen Jahrhunderts, das schlicht den Titel trägt: „Der enterbte Geist“. Die Bezeichnung ist treffend gewählt.
Der moderne Humanist ist ein enterbter Geist, ein heimatloser Mensch, ein heimatloser Wanderer, selbst wie Kain in seinem eigenen Heim, ein Fremder gegenüber allen Dingen, wo immer er sich befindet. Die adoptierten Söhne Gottes hingegen sind nicht enterbt, sie sind Erben. Sie sind nicht Fremde und Ausländer in dieser Welt, obgleich sie Pilger in ihr sind. Selbst in ihrer Pilgerschaft können sie singen: Dies ist meines Vaters Welt. Die Enterbten leben in den Vorstädten der Hölle, doch die Erben machen die Zeit selbst zu einem Vorhof des Himmels, weil sie in Zeit und Ewigkeit Erben sind. Miterben mit Christus.
Die Adoption
Der Römerbrief kann mit Recht als eine christliche Verfassung bezeichnet werden, denn er ist das lehrmäßigste Buch der Schrift, das theologisch am stärksten ausgerichtete Buch.
Wir sind und bleiben Geschöpfe in Zeit und Ewigkeit. Wir werden niemals ein Teil Gottes. Wir sind seine Geschöpfe. Wir werden in einen Zustand der Herrlichkeit aufgenommen und empfangen das ewige Erbe; wir sind Miterben Christi, aber wir sind niemals etwas anderes als Geschöpfe.
An einer Stelle spricht der Apostel Paulus davon, daß wir zu Teilhabern der göttlichen Natur gemacht werden. Damit ist gemeint, daß wir an den Segnungen, an der Herrschaft und dergleichen teilhaben. Nicht, daß wir Wesensgenossen oder einer Natur mit ihm würden. Wir sind einer Natur mit der neuen Menschheit Christi, wir werden niemals zu Göttern.
Der Geist der Knechtschaft offenbart sich in der Forderung nach radikaler Gleichmacherei. Wenn Unterschiede zwischen Individuen als traumatisch empfunden werden, wird jede Unterscheidung beseitigt: Wer vorn liegt, soll nicht mehr Verantwortung tragen als wer hinten liegt. So wird nach unten nivelliert. Selbst die Bloßstellung von Schülern mit Läusebefall wird als ungerecht empfunden, weil sie einen Unterschied markiere und Verantwortung zuweise, die als unzumutbar gilt.
Schon vor einem Jahrhundert warnte der große Christ Dr. Hodge vor dieser Dynamik. In seiner Auseinandersetzung mit der öffentlichen Schulbewegung schrieb er — die Ausführungen finden sich im Messianic Character of American Education —: „Sobald die öffentliche Schulbewegung beginnt, führt sie zu einer fortwährenden Integration nach unten. Man gleicht nach unten an. Bis der, der den meisten Glauben hat, an den abgibt, der den wenigsten hat, und der der wenigste ist, der gar keinen hat, bis man schließlich alle auf eine gemeinsame Stufe herabgedrückt hat.“ Hodge, der in den 1870er Jahren vor Frauengruppen vortrug, zog den Schluß: „Die öffentlichen Schulen werden das größte Instrument zur Zerstörung dieses Landes — oder eines jeden Landes —, das die Welt je gesehen hat, werden.“
Diese Prophezeiung erfüllt sich, wo der Geist der Gleichmacherei in Kirchen, christliche Schulen oder irgendeinen Bereich der Gesellschaft eindringt. Er ist ein Geist der Knechtschaft, der Korruption und der Zerstörung; er wird, wo er Raum gewinnt, das betroffene Gefüge mit der Zeit völlig auflösen.
[Kein übersetzbarer Inhalt — der Text besteht ausschließlich aus Ankündigungen und einem Segensspruch, die gemäß den Regeln zu entfernen sind.]