Matthäus 6,33
Suchet aber zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, so wird euch dies alles zufallen.
Eines der alten Probleme der Philosophie lag seit jeher im Bereich der Ethik oder Moral: Was ist das summum bonum des Menschen, sein höchstes Gut? Dieses Problem des höchsten oder obersten Gutes war einst grundlegend für alles Denken in Ethik und Moral. Im vergangenen Jahrhundert wurde es aufgrund evolutionistischen Denkens aufgegeben. Philosophen stellen die Frage nach dem summum bonum, um ihren Ausdruck zu gebrauchen, nicht mehr. Sie haben sie fallengelassen wegen der Evolutionstheorie. Ist die Evolution wahr, so ist die Welt das Produkt blinden Zufalls und lediglich eine zusammenhanglose Ansammlung von Dingen. Es ist unmöglich, auf diese Ansammlung zu blicken und zu sagen, hier sei ein Zweck, oder hier sei das beherrschende Thema. Es kann dann nicht nur kein höchstes Gut geben, sondern überhaupt kein absolutes Gut irgendeiner Art. Nur ein relatives Gut. Was ist gut für mich in diesem Augenblick?
Weil die Philosophie die Idee des höchsten Gutes des Menschen fallengelassen hat, bedeutet das nicht, daß die Idee verschwunden ist. Sie hat die Philosophie verlassen, man spricht nicht mehr darüber, aber sie ist in die Politik und die Soziologie gewandert.
Was der Marxismus bietet, ist seine Vorstellung vom höchsten Gut des Menschen. Und die gesamte marxistische Theorie befaßt sich mit dieser Frage. Das höchste Gut des Menschen. Die fabianistische sozialistische Theorie, der Deweyismus in der Erziehung und in verschiedenen anderen Bereichen. Diese Philosophie, die formal aus der Ethik verbannt worden war, ist in anderen Formen wieder aufgetreten. So ist das Problem nicht verschwunden. Es ist sehr gegenwärtig. Und wir sind in unserer Zeit von allerlei falschen Antworten auf die Frage umgeben, was das summum bonum des Menschen sei, was sein höchstes Gut sei. Was der Mittelpunkt, das Ziel seines Lebens sein sollte.
Im Heidentum, in der antiken Welt, hatten die Menschen Antworten auf diese Frage, und sie lautete meistens: der Staat. Der Staat war das höchste Gut des Menschen. Und unsere Wiederbelebung des Heidentums hat uns erneut dieselbe Antwort gegeben. Ebenso sagte das Heidentum, als es des Staates überdrüssig wurde, das Individuum und sein Vergnügen seien das höchste Gut des menschlichen Lebens. Und wieder haben wir diese wiederauflebende Antwort.
Als das Christentum auf den Plan trat, forderte es dies heraus. Und der heilige Augustinus begann in seinen Bekenntnissen, in denen er seinen langen und hartnäckigen Kampf gegen Christus, seine Unwilligkeit, Christus anzunehmen, seine Flucht in allerlei Philosophien, Gedanken und Lebensweisen schildert, um dem Anspruch des Evangeliums auf ihn zu entgehen, im ersten Absatz mit der Erklärung:
Augustinus, Confessiones 1,1: „Du hast uns für dich geschaffen. Und unser Herz ist unruhig, bis es in dir ruht.“
Dies ist einer der berühmtesten Sätze der gesamten Philosophie. Augustinus erklärte, daß Gott allein das höchste Gut des Menschen sei. Und der Mensch könne nirgendwo, in nichts Befriedigung finden, außer in Gott. Augustinus' Gedanke hier und das Thema seiner Bekenntnisse finden sich auch in der Erfahrung und Dichtung Francis Thompsons wieder, in dem größten einzelnen Gedicht der englischen Sprache, „The Hound of Heaven“. Darin beschreibt er seinen Versuch, Frieden zu finden, das Gute zu finden, sein eigenes höchstes Gut in etwas anderem als Gott zu finden. Und wie er von Gott unerbittlich verfolgt wird, bis er schließlich zu demselben Schluß gelangt wie Augustinus: „Du hast uns für dich geschaffen, und unser Herz ist unruhig, bis es in dir ruht.“
Der Theologe Herman Bavinck beschreibt in seinem Buch „A Reasonable Faith“ das Problem des höchsten Gutes des Menschen in Anlehnung an ein Wort Augustins. Er schreibt, und ich zitiere: „Die Schlussfolgerung ist also die des Augustinus. Er sagte, daß das Herz des Menschen für Gott geschaffen sei und keine Ruhe finden könne, es ruhe nicht im Herzen seines Vaters. Daher suchen alle Menschen tatsächlich nach Gott, wie auch Augustinus erklärte, aber sie suchen ihn nicht alle auf die rechte Weise und nicht am rechten Ort. Sie suchen ihn unten, und er ist oben; sie suchen ihn auf der Erde, und er ist im Himmel. Sie suchen ihn in der Ferne, und er ist nahe. Sie suchen ihn in Geld, in Besitz, in Ruhm und Macht und in Leidenschaft. Und er ist zu finden in der Höhe und an heiligen Stätten, und bei dem, der zerbrochenen und demütigen Geistes ist. Aber sie suchen ihn, auf daß sie ihn vielleicht tastend finden. Sie suchen ihn und fliehen doch zugleich vor ihm. Sie haben kein Interesse an der Erkenntnis seiner Wege, und doch können sie nicht ohne ihn. Sie fühlen sich zu Gott hingezogen und zugleich von ihm abgestoßen. In diesem, wie Pascal so tiefgründig darlegte, besteht die Größe und das Elend des Menschen. Er verlangt nach Wahrheit und ist von Natur falsch. Er sehnt sich nach Rast und stürzt sich von einer Zerstreuung in die andere. Er lechzt nach einem bleibenden und ewigen Glück und ergreift die Freuden eines Augenblicks. Er sucht Gott und verirrt sich in der Kreatur; er ist ein geborener Sohn des Hauses und frißt die Schalen der Schweine in einem fremden Land. Er verläßt den Brunnen lebendigen Wassers und gräbt sich zerbrochene Zisternen, die kein Wasser halten können. Er ist wie ein Hungriger, der träumt, er esse, und wenn er erwacht, findet er seine Seele leer. Und er ist wie ein Dürstender, der träumt, er trinke, und wenn er erwacht, findet er sich matt und seine Seele hungrig.“ Zitatende.
Bavincks Aussage ist eine sehr schöne. Doch laßt uns die Frage stellen, die viele Ungläubige stellen. Können wir sagen, daß der moderne Mensch oder der primitive Mensch so empfindet? Tun sie es? Sie scheinen an allen falschen Orten zu suchen, und in der Tat tun sie es kraft der Sünde. Sie wollen Gott, aber nicht als Gott. Sie wollen ihn als etwas von ihrem eigenen Schaffen, sie suchen Gott in allem, nur nicht in seinem Wort. Und so machen sie sich alles zum Ersatz für Gott, sei es der Staat, oder die Sexualität, oder das Vergnügen, das eine oder das andere. Und das einzige Resultat ist, daß es statt zu befriedigen einen immer unersättlicheren Appetit schafft. Ihre bloße Befriedigung steigert ihre Unersättlichkeit. Je mehr sie von dem erhalten, wovon sie als ihrem Gottessurrogat geträumt haben, desto weniger sind sie damit zufrieden, und desto unersättlicher werden sie.
William Blake stellt in einem seiner Kupferstiche, in einem revolutionären Gedicht, einen Menschen dar, der das erreicht hat, wovon er träumt. Er hat eine Leiter an den Mond gelehnt und kann nun zum Mond hinaufsteigen, und er beginnt damit. Doch während er dies tut, ruft er nicht aus: „Ich habe, ich habe“, sondern schreit: „Ich will, ich will“. Für diejenigen, die Gott ablehnen, gibt es keine Ruhe in der Befriedigung. Was gestern noch ihre Hoffnung auf das Paradies war, wird, sobald sie es erlangen, zur Hölle von heute. Denn der Mensch kann, selbst wenn er Gott verwirft, mit nichts geringerem als Gott zufrieden sein.
Und wenn der Humanist den Menschen zu seinem Gott macht, ist sein nächster Schritt, seinen Gott-Menschen zu töten suchen. So kommt es, daß die Humanisten von heute, die den Menschen am meisten vergöttert haben, nun sagen, man müsse den Menschen absolut kontrollieren und ihm Elektroden in das Gehirn implantieren – zu seinem eigenen Wohl. Sie planen den Mord an dem, den sie zum Gott gemacht haben.
Wenn wir aber sagen, daß Gott das höchste Gut des Menschen ist, müssen wir präziser sein. Denn wenn wir lediglich „Gott“ sagen, können wir in die Irre gehen. Und genau dies geschah im Mittelalter.
Die Scholastiker sagten, der Mensch müsse Gott als sein höchstes Gut suchen, und sie suchten Gott in mystischen Visionen, in Erfahrung. Dabei führte dies sie nur immer weiter von Gott fort. Die Reformation im Gegensatz zum Scholastizismus, der die Gottesvision als höchstes Gut des Menschen erklärte, sagte nein. Nachdrücklich erklärten die Reformatoren: Unser Herr hat geboten:
Matthäus 6,33 Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit.
Das Reich Gottes ist des Menschen höchstes Gut. Des Menschen Vorstellung, des Menschen Idee des höchsten Gutes kann nicht vom Menschen kommen. Selbst im Garten Eden mußte der Mensch von Gott unterwiesen werden. Des Menschen eigenes Wort ist niemals für den Menschen ausreichend gewesen. Um so mehr im Zustand des Sündenfalls ist des Menschen gefallenes Bewußtsein um so weniger vertrauenswürdig. Die Idee des höchsten Gutes muß daher von Gott und seinem Wort kommen. Und in der Wiedergeburt unterwirft sich der Mensch dem Wort Gottes. Das Reich Gottes wird daher von unserem Erlöser als das erklärt, was wir zuerst suchen müssen, und unser Herr verkündet, daß er gekommen sei, das Reich zu predigen.
Das Reich Gottes bedeutet das verwirklichte Programm Gottes für den Menschen. Der Mensch muß sich als Gottes Stellvertreter, als sein Verwalter, als sein Vizekönig in der Geschichte verwirklichen. Und das bedeutet, daß er eine gewaltige Aufgabe hat. Eine Aufgabe, die viele, viele Bereiche des Lebens umfaßt. Im Garten Eden wurde der Mensch geschaffen und in ein Paradies gesetzt, um unter Gott Herrschaft auszuüben, als Gottes Stellvertreter. Um Gottes Priester, Prophet und König zu sein. Als König, um Herrschaft über die Welt auszuüben. Als sein Priester, um alle Dinge in Bezug auf Gott zu deuten, und um die Erde und den Menschen vor Gott zu vertreten. Und als Gottes Prophet, um das Wort Gottes zu allen Menschen zu sprechen.
Und das Wort Gottes über alle Dinge zu verkünden. Dies war ganz eindeutig die Aufgabe des Menschen im Garten Eden. Nun hat der Mensch freilich, da er das Reich Gottes dienen und das Reich Gottes zuerst suchen soll, eine zusätzliche Aufgabe, weil der Mensch gefallen ist: bei der Suche nach dem Reich muß an erster Stelle die Rettung der Seelen stehen. Der gefallene Mensch muß aufgerufen werden, sich Gott zu unterwerfen und sein Heil im Versöhnungswerk Jesu Christi zu finden. Nachdem man die Menschen zur heilsbringenden Erkenntnis Jesu Christi geführt hat, muß der Mensch jeden Bereich des Denkens, jeden Bereich des Lebens, jede Art von Institution in die Gefangenschaft Jesu Christi führen. So hat er ein Werk der Eroberung: auszuziehen und zu erobern und einen Bereich nach dem anderen der Unterwerfung unter Jesus Christus zu unterstellen. So muß es eine Eroberung der Menschen geben, ihre Erlösung, eine Eroberung jedes Lebensbereichs, ihre Unterwerfung unter Jesus Christus, und dann noch mehr.
Es muß eine Aufgabe der Vernichtung geben: die Vernichtung des Bösen. Dies ist ein sehr bedeutender Tatbestand. Unter allen Religionen der Welt gibt es keine einzige, die davon spricht, das Böse zu vernichten; keine, die von der Vernichtung des Bösen in der Welt redet. Alle lehren im Grunde, wie man es erträgt und dabei gute Miene zum bösen Spiel macht, wie man damit lebt, wie man es in sich selbst und in der Welt überhaupt hinnimmt. Nur unser Glaube lehrt uns, daß unser Herr durch unsere Erlösung zuerst daran wirkt, das Prinzip des Bösen in unseren Herzen auszurotten. Und unsere fortschreitende Heiligung ist die Vernichtung des Bösen in uns selbst. Der heilige Paulus spricht vom Töten des Fleisches, das ist der alten menschlichen Natur. Mortifizieren bedeutet wörtlich töten; die Wurzel mort findet sich im Wort Mortuarium. So haben wir die Aufgabe, den alten Adam in uns zu töten, wenn wir erlöst sind, und die Aufgabe, das Böse in aller Welt zu vernichten, zu töten. Und deshalb ist das Christentum, wohin es auch geht, dem Bösen gegenüber intolerant geworden, wenn es dem Wort Gottes treu bleibt.
Die Haltung der Welt ist: laßt es allein. Toleriert es. Warum danach streben, es abzuschaffen oder zu vernichten? Allein unter all den Religionen, die in das Leben des Menschen eingetreten sind, regeneriert unser Glaube nicht nur den Menschen und reißt das Böse aus seinem Herzen, sondern wirkt dann darauf hin, das Böse aus jedem Lebensbereich auszurotten. Dieses Ziel wird in der Wiederkunft voll verwirklicht, wenn der letzte Feind, der vernichtet wird, der Tod ist.
1. Korinther 15,26 Der letzte Feind, der aufgehoben wird, ist der Tod.
Aber uns wird gesagt, daß es auch jetzt schon unser Ziel sein muß, soweit wir vermögen, das Böse in uns und um uns herum zu vernichten. Doch damit ist es nicht getan. Unser Glaube unterscheidet sich von allen anderen Glaubensrichtungen darin, daß er nicht nur den Menschen regeneriert und heiligt und daran wirkt, das Böse zu vernichten, sondern daß er, ganz natürlich angesichts dieser Dinge, uns Hoffnung gibt.
Die Hoffnung bildet einen zentralen Aspekt des christlichen Glaubens. Sie ist diesem eigentümlich, da keine andere Religion Hoffnung bietet. Jede andere Religion vermag höchstens eine Haltung des Zähnezeigens und Ertragens zu offerieren, wenn nicht gar völligen Pessimismus, Resignation und Todesbereitschaft angesichts der Hoffnungslosigkeit. Dem Christen wird nicht nur eine lebendige Hoffnung in Jesus Christus zugesagt; kraft dieser Hoffnung gilt selbst in der Trübsal das Gebot: „Freue dich, und abermals sage ich: Freue dich.“ Denn diese Hoffnung ist nicht bloßer frommer Wunsch, sondern Gewißheit. Eine lebendige Hoffnung.
Daraus folgt auch die Anwendung des Gesetzes als Mittel, das Reich Gottes in jedem Lebensbereich zu erkennen und darzustellen. Wenn geheißen wird: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit“, so meint dies die Wiedergeburt. Es bedeutet, jeden Bereich des Lebens und Denkens der Herrschaft Jesu Christi als König und Herrn zu unterstellen, und zwar mittels des Gesetzes. Es bedeutet, das Böse in uns selbst und in der uns umgebenden Welt zu vernichten. Und es bedeutet, in der Gewißheit einer lebendigen Hoffnung in Jesus Christus zu leben. Wendet der Mensch sein Herz von diesem Glauben und diesem Ziel ab, so wird er von Ruhelosigkeit und Friedlosigkeit erfaßt. Der moderne wissenschaftlich-sozialistische Staat, die große Gemeinschaft, ist nun des Menschen höchstes Gut. Oder — bei anderen — das Individuum und sein Vergnügen. Der moderne Traum vom höchsten Gut vernichtet den Menschen, statt ihn zu retten. Wir leben in einem Geschlecht, das sich in den eigenen Untergang stürzt und keine Hoffnung für die Zukunft empfindet. Ein Historiker hat angemerkt, daß Menschen in der Vergangenheit an der Politik verzweifelt, nicht aber an der Regierung. Sie sagten: Die Politiker, die wir haben, sind Schurken, aber ein guter Satz Politiker wird uns retten. Jetzt aber herrsche überall Enttäuschung — sowohl über die Politiker als auch über die Regierung. Es bestehe keine Hoffnung mehr. All ihre humanistisch zu erreichenden Träume vom höchsten Gut zerstörten ihre Hoffnung und vernichteten den Menschen. Unser Herr aber sprach: Wenn Gott das Gras auf dem Felde so kleidet, das heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird, sollte er euch nicht viel mehr kleiden, ihr Kleingläubigen? Darum sorgt nicht und sprecht nicht: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? Denn nach alledem fragen die Heiden. Euer himmlischer Vater weiß, daß ihr dies alles bedürft.
Matthäus 6,33 Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch dies alles zufallen.
Es gibt solche, die diesem Textabschnitt gegenüberstehen und meinen, unser Herr sage, wir sollten den Dingen materieller Sorge — Kleidung, Essen, Wohnung und dergleichen — gänzlich gleichgültig gegenüberstehen. Unser Herr sage, diese Dinge seien unwichtig. Keineswegs. Er sagt:
Matthäus 6,33 Sucht zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, die Wiedergeburt.
Indem er jeden Bereich von Denken und Leben durch sein Gesetz Christus gefangennimmt. Die Vernichtung des Bösen, das Leben in Hoffnung. Was wird dies bedeuten? Weil ihr zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit gesucht habt, seine Gesetzesordnung, seine rettende Gnade, seine in und durch euch wirkende Kraft, wird euch eine Ordnung, eine Gesellschaft geschenkt, in der ihr Nahrung und Kleidung, Wohnung habt — all das, was die Heiden ohne Gott suchen und nicht verwirklichen können, oder, haben sie es erlangt, ohne Frieden besitzen. Der Weg, es zu erlangen, führt durch das, was das Reich Gottes ausmacht.
So ist die Vision des Reiches Gottes, wie sie uns in der Schrift immer wieder gegeben wird:
Micha 4,4 Ein jeder unter seinem Weinstock und Feigenbaum.
Und kein Mensch sagt zu seinem Nächsten: Komm, laß mich dich das Wort des Herrn lehren; denn alle werden ihn erkennen.
Jeremia 31,34 Denn sie werden mich alle kennen, von dem Kleinsten bis zum Größten.
Das ist die Vision. Er sagt nicht, daß diese Dinge unwichtig seien. Er sagt, daß alle diese geringeren Güter nur dann verwirklicht werden, wenn wir das höchste Gut anstreben. Wenn wir die geringeren Güter anstreben, schaffen wir eine Welt, in der die Sünde herrscht, in der der Mensch den Menschen zerfleischt, in der der Mensch alles zerstört und nichts gewinnt. Sucht aber zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, so wird euch dies alles, was unser Herr an seinem Platz für wichtig hält, hinzugefügt werden. Nicht vielleicht, sondern es wird geschehen. Denn Gott betrachtet sie als gut. Aber es sind Güter, die nur verwirklicht werden, wenn wir das höchste Gut suchen, das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit — die absolute Herrschaft Gottes in unseren Herzen und Leben und in unserer Welt.
Matthäus 6,34 Darum sorgt nicht für den morgigen Tag; denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Jeder Tag hat genug an seiner eigenen Plage.
Wenn eine Ordnung besteht, die unter Gott und seinem Gesetz steht, wenn Menschen wiedergeboren sind, wird es eine Ordnung sein, die für den morgigen Tag sorgt. Sorgt nur für die Probleme des heutigen Tages; die grundlegenden Züge sind alle durch Gottes wiedergeborende Kraft durch sein Volk und durch seine Gesetzesordnung vorgesehen. So wird uns ein herrliches Bild des Lebens gegeben, wenn wir zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit suchen; denn dann wird uns all das hinzugefügt, was die Heiden suchen und wovon unser himmlischer Vater weiß, daß wir seiner bedürfen.
Das Hauptargument der Baptisten für die Taufe durch Untertauchen beruft sich auf die Wortbedeutung von baptizo. Zwar hatte das Verb ursprünglich den Sinn „untertauchen“, doch Bedeutungen wandeln sich im Lauf der Zeit, wie das Beispiel des englischen farmer zeigt, das einst „Steuereintreiber“ bedeutete, oder silly, das einst „geliebt“ hieß. Zur Zeit der Abfassung des Neuen Testaments umfaßte baptizo bereits die Bedeutungen Besprengen, Begießen und Untertauchen.
Die einzige schriftliche Festlegung der Taufweise findet sich in Hesekiel 36,25, wo der neue Bund angekündigt wird:
Hesekiel 36,25–26
Da will ich reines Wasser auf euch sprengen, daß ihr rein werdet; von aller eurer Unreinigkeit und von allen euren Götzen will ich euch reinigen. Auch will ich euch ein neues Herz geben und einen neuen Geist in euch legen; und ich will das steinerne Herz aus eurem Leibe nehmen und euch ein fleischernes Herz geben.
Das Kennzeichen des neuen Bundes, die Taufe, wird hier ausdrücklich als Besprengen bezeichnet.
Auch die Praxis Johannes des Täufers entsprach weder dem Besprengen noch dem Untertauchen, sondern dem Begießen: Man watete knietief in den Jordan, und Wasser wurde über das Haupt gegossen. Alle frühen Darstellungen in den Katakomben und anderswo zeigen die Taufe als Begießen — eine Form, die heute niemand mehr praktiziert. Wäre die damalige Form als einzige verbindlich, müßte man sie als falsch verwerfen. Entscheidend ist nicht die äußere Form der Taufe, sondern die Bedeutung des Ritus.
Die Form der Taufe ist sekundär gegenüber der Tatsache ihrer Vollziehung. In der reformierten Tradition wird sie anerkannt, gleichgültig ob durch Besprengung, Untertauchen oder Übergießen, sofern sie im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes geschieht. Der eigentliche Trennungsgrund zwischen Baptisten und den übrigen Kirchen liegt in der Kindertaufe. Die Frage lautet: Ist die Taufe allein denen vorbehalten, die ein Glaubensbekenntnis ablegen, oder denen, die im Bund stehen? Die hier vertretene Position besagt: Da die Taufe dasjenige Ritus ist, das die Beschneidung ablöst — welche am achten Tag an Kindern als Bundeszeichen vollzogen wurde —, so ist die Taufe ebenfalls das äußere Zeichen der Bundeszugehörigkeit, das sich bestätigt, wenn das Kind ein reiferes Alter erreicht, durch sein persönliches Bekenntnis. Die Tatsache der Beschneidung macht deutlich, daß der Bund die Kinder der Gläubigen einschloß. Dies war der frühen Kirche so sehr bewußt, daß eine eigene Synode einberufen werden mußte, um die Frage zu klären, ob Kinder vor dem achten Tag getauft werden dürften; man taufte sie nämlich gewöhnlich am achten Tag. Da viele Kinder bereits ein oder zwei Tage nach der Geburt starben, waren die Eltern um ihren Status im Bund besorgt. Um dieses Problem zu lösen, lehnte man zunächst unter strenger Anlehnung an das alttestamentliche Vorbild eine frühere Taufe ab, gestattete sie später jedoch.
Die Kindstaufe (christening) war ursprünglich Bestandteil des Taufgottesdienstes und gehört auch dahin. Sie bestand in der Namensgebung des Kindes, weil die Eltern häufig heidnisch waren und das Kind einen anderen Namen trug als seinen christlichen. So hatte ein Kind oft einen Familiennamen und einen Vornamen gemäß seinem heidnischen Hintergrund und erhielt dazu einen christlichen Namen. Dies war noch in gewissem Umfang bei den amerikanischen Indianern der Fall. Das Kind erhielt einen Indianernamen, der sich als christlicher Name nicht verwenden ließ. Ich erinnere mich an ein kleines Mädchen, das starb; ihr Indianername war „Little Hummingbird“ — ein Name, der sich im Englischen kaum führen läßt. Ihr englischer Name bei der Taufe war ein biblischer Name. Die Namensgebung war also Teil des Gottesdienstes und gab dem Kind einen christlichen Namen.
Dieser Brauch rührt daher, daß Menschen verschiedener kultureller Herkunft unterschiedliche Namen trugen; dies war ein wesentlicher Aspekt.
Des Menschen höchstes Gut
In der biblischen Zeit war es üblich, daß Menschen mehr als einen Namen führten, da sie mehrere Sprachen beherrschten. Im Neuen Testament trug Thomas auch den Namen Didymus. Nicht selten besaßen Personen drei Namen: einen hebräischen oder aramäischen, einen griechischen und einen lateinischen. In Kulturen, in denen Menschen noch heute zwei- oder dreisprachig aufwachsen, hat sich dies erhalten. Wird in einem solchen Zusammenhang die Taufe vollzogen, wird ein bestimmter Name gewählt, der dann als Taufname gilt.
Vor Gott ist der Erlöste unschuldig. Er ist von aller Schuld und aller Sünde gereinigt. Ihm kommt eine richterliche Unschuld zu; sein Register ist rein und bleibt es vor Gott. Doch Christus weiß, daß der Gläubige in diesem Leben nicht vollkommen geheiligt ist. Darum tritt er beständig für ihn ein, und sein Sühnblut deckt alle Sünden. Insofern ist der Mensch in seiner Wiedergeburt dem Prinzip nach unschuldig vor Gott; in der Wirklichkeit aber lebt er noch in der Ausübung der Sünde, die jedoch nun durch den neuen Menschen in ihm getötet wird. Hier scheiden sich rechtlicher Stand und tatsächlicher Zustand. Das Verhältnis zu Christus erfaßt den Gläubigen nicht in seiner Unschuld, sondern als sündigenden Heiligen. Gott der Vater hingegen sieht ihn allein durch das Blut Jesu Christi bedeckt, als seinen Richter.
Kinder werden in Sünde geboren, in einem Zustand der Verderbnis. Sie stehen im Bund, doch die Bundeszugehörigkeit bedeutet nicht Unschuld. Vielmehr müssen sie in der Zucht und Ermahnung des Herrn erzogen werden, Christus annehmen, im Glauben ihrer Väter bestätigt werden und den alten Adam in sich töten. Die Vorstellung, Kinder seien bei der Geburt unschuldig, ist ein Erzeugnis der Aufklärung und des Humanismus. John Locke lehrte, das Kind komme mit einer reinen Tafel zur Welt, die Erziehung könne es entweder zum Guten oder zum Bösen formen; die Kirche forme es zum Bösen, indem sie es als Sünder lehre, woraufhin es sündige. Man müsse es erziehen, seine Unschuld zu glauben, dann lasse es sich beliebig formen und bleibe unschuldig. Dies ist einer der gefährlichsten, bösartigsten Mythen, die von antichristlichen Kräften verbreitet wurden. Denn wenn das Kind bei der Geburt unschuldig ist, bedarf es keines Erlösers.
Freud, als Humanist, läutete in gewisser Weise das Ende des alten humanistischen Glaubens ein. Denn er wies nach, daß die humanistische Idee — er selbst war einer der großen Humanisten und eine bedeutende Gestalt des Humanismus — ein besonders häßliches Bild des Menschen hervorbringt. Nicht das christliche Bild des Menschen als Sünder, sondern ein Bild des Menschen als Sünder aus humanistischer Perspektive, das ein sehr häßliches ist. So wurde der Grundglaube des Humanismus untergraben. Die tragische Tatsache besteht darin, daß allzu viele liberale Christen diesen Glauben, den die Humanisten selbst mehr oder weniger aufgegeben hatten, aufgegriffen haben. Sie nähren sich von den Spreu des Humanismus.
Die Lehre von der Unschuld findet nur auf jene Anwendung, die durch das Versöhnungswerk Jesu Christi wiedergeboren sind. Es handelt sich um eine rechtliche Unschuld. Wir sind nicht im eigentlichen Sinne unschuldig. Ein Vergleich, der nicht vollends zutrifft, aber die Sache veranschaulicht: Ein Mensch mag eine Reihe von Verbrechen begangen haben, doch vor dem Gericht gilt er als unschuldig, weil er nie ertappt und verhaftet wurde. In gewisser Weise verhält es sich unter Gott ähnlich mit uns: Obwohl wir noch Sünder sind, sind wir erlöste Sünder, und obwohl wir vor dem Gericht stehen, ist durch Jesus Christus Genugtuung geleistet worden. So besitzen wir einen rechtlichen Status der Unschuld, und Christus wirkt derweil in unseren Herzen, um uns von den Werken der Reste des alten Adam zu reinigen, auf daß er uns in der Ewigkeit untadelig und unschuldig vor Gott darstelle.
Ein Christ ist notwendig Trinitarier. Bereits die Gläubigen des Alten Bundes waren Trinitarier; das Judentum blieb es bis zum Ende des ersten Jahrhunderts. Daher berufen sich die Apostel in der Apostelgeschichte und in den Briefen durchgängig auf das Alte Testament: um die Prophetien und die Lehre Christi zu beweisen, genügte die Schrift, die ihre Hörer bereits anerkannten. Nach dem Fall Jerusalems begannen die rabbinischen Führer im zweiten Jahrhundert, ihre Auslegungen systematisch umzudeuten und unitarisch zu gestalten, weil Christus die trinitarischen Erwartungen der alttestamentlichen Lehre offenkundig erfüllte. Große Teile Judäas und der damaligen Diaspora bekehrten sich im ersten Jahrhundert; Hunderttausende Juden bildeten das Rückgrat der frühen Kirche. Um diese Entwicklung zu stoppen, wurde der gesamte Glaube radikal umgestaltet, so daß das Judentum ab dem zweiten Jahrhundert weder dem alttestamentlichen Glauben noch dem – wenn auch defizitären – pharisäischen Judentum des ersten Jahrhunderts entspricht, das noch trinitarisch war.
Erst in der Gegenwart greift die moderne jüdische Exegese, ebenso wie die modernistischen Bibelübersetzungen, auf die Behauptung zurück, das „Laßt uns Menschen machen nach unserem Bilde“ (1. Mose 1,26) sei lediglich ein Pluralis Majestatis, analog zum „Wir“ eines Königs. Diese Begründung entbehrt jeder antiquarischen Grundlage: in der Antike kannte man keinen Pluralis Majestatis; Monarchen und Kaiser sprachen von sich im Singular. Die Deutung ist eine bewusste Verfälschung des Textes.