Kolosser 2,13–15
Und euch, die ihr tot waret in den Sünden und in der Vorhaut eures Fleisches, hat er mit ihm lebendig gemacht und euch alle Sünden vergeben; und hat die Handschrift, die gegen uns war, die uns verklagte, aufgehoben und sie vom Kreuze weggenommen; und hat die Fürstentümer und Gewalten entwaffnet und sie öffentlich zur Schau gestellt und triumphiert über sie an demselben.
Das Wort Vergebung bezieht sich auf ein Gericht. Gottes Gericht. Es bedeutet, kurz gesagt, daß die Anklage fallengelassen wird, weil Genugtuung geleistet worden ist.
Es kann gelegentlich bedeuten, wie in Lukas 23,34, wo unser Herr sprach: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun, daß die Anklage vorerst zurückgestellt wird. In jedem Fall bezieht sich das Wort Vergebung in der Bibel stets auf ein Gericht. Und die Anklage wird fallengelassen, weil Genugtuung, das heißt Wiedergutmachung, geleistet worden ist.
Im einzelnen bedeutet Vergebung, spezifisch in der Bibel, die Nachlassung der Sünden, der den Sünden zustehenden Strafe, und die Erlösung des Menschen von der Strafe, die Gott in seiner Gerechtigkeit verhängt hat. Es bezieht sich immer, wann immer es religiös davon spricht und nicht im Sinne ziviler Wiedergutmachung von Vergebung, darauf, daß eine solche Nachlassung auf dem stellvertretenden Sühnopfer Jesu Christi am Kreuz beruht.
Ferner hat Vine in seinem Wörterbuch neutestamentlicher Wörter darauf hingewiesen: „Menschliche Vergebung soll streng analog zur göttlichen Vergebung sein. Matthäus 6,12: Wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind, kennt Christi Gesetz der Vergebung keine Beschränkung. Matthäus 18,21 und 22: die Bedingungen der Buße und des Bekenntnisses. Matthäus 18,15–17 und Lukas 17,3.“
So notwendig sie auch sein mag, wir müssen bedenken, daß die Wiedergutmachung dem Versöhnungswerk Christi nachgeordnet ist. Seine Wiedergutmachung ist die primäre. Christus leistet Wiedergutmachung gegenüber Gott dem Vater, so daß unsere Wiedergutmachung eine Folge der Gnade ist, niemals ihre Ursache. In der Heiligen Schrift wird sehr oft das Wort „vergeben“ anstelle von „Vergebung“ gebraucht. Es handelt sich um dasselbe Wort. Vergebung ist ein drängendes Bedürfnis des Menschen, eine Notwendigkeit.
Der Humanist jedoch will Gott nicht in die Tatsache der Vergebung und das menschliche Bedürfnis nach ihr einbeziehen. Genau wie er das Bekenntnis auf einen rein humanistischen Austausch beschränken will, so verlangt der Sünder, daß andere Menschen zeitweilig Gott spielen, gleichwie er selbst in seinen Sünden Gott spielt; daher will er sein Bekenntnis auf Menschen beschränken, und er will, daß die Vergebung von Menschen komme und rein verbal sei. Wiedergutmachung soll nicht eingeschlossen sein. Diese Art humanistischer Forderung nach Vergebung ist in zwischenmenschlichen Beziehungen sehr verbreitet. So kommt es beispielsweise in der Ehe sehr häufig vor, daß der eine oder der andere unaufhörlich und in rein verbaler Weise Vergebung einfordert.
Sünder wollen ihr Problem auf eine menschliche Ebene reduzieren, auf daß nur der Mensch vergebe, nicht Gott. Da sie wünschen, daß die Schuld — oder die Sünde — durch eine bloß verbale Vergebung getilgt werde, reagieren sie mit Groll, wenn jemand mehr fordert als reine Worte im Bekenntnis und in der Buße.
Ich erinnere mich an einen Mann, der vor einigen Jahren eine weitere Ehebrecherei damit rechtfertigte, es sei die Schuld seiner Frau. Er sagte: „Sie hat es nicht anders verdient. Sie war so widerborstig, mir zu vergeben, als ich es ihr bekannte.“ Das ist humanistische Vergebung. Ein Wortwechsel. „Macht mich rein, indem ihr mir sagt, meine Sünde bedeute nichts.“ So wird die Absolution von der Sünde beim Humanisten auf ein humanistisches Bekenntnis und eine humanistische Vergebung reduziert, die ganz vom Menschen herrührt und nur ein Wortwechsel ist.
Doch nicht nur Herzensänderung und Wiedergutmachung werden von den Humanisten ausgeklammert. Gott wird gänzlich ausgeklammert. Man fordert Reinigung zu menschlichen Bedingungen. Doch der Mensch bleibt schuldig, wenn er sich diesem humanistischen Vergebungsspiel hingibt. Die Wirkung auf das menschliche Herz ist drastisch. Nach der Schrift wurde der Mensch gut geschaffen. Es entspricht der Grundstruktur seiner Natur, nur in Gemeinschaft mit Gott Ruhe zu finden. In den berühmten Worten des heiligen Augustinus: „Unser Herz ist unruhig, bis es in dir ruht.“ Und unser Herz kann nur in Gott ruhen, wenn wir Vergebung durch Jesus Christus haben.
In der Sünde ist der Mensch im Krieg mit Gott. Er ist auf der Flucht vor ihm. Er verhüllt sich, um sich vor Gott zu verbergen. Er beansprucht Gerechtigkeit für sich oder macht seine Sünde zur vorgetäuschten Tugend. Er kann keine wahre Vergebung finden, keine Absolution, außer im Versöhnungswerk Christi.
Dies besagt unser Text. Er sagt, daß die Menschen tot sind in Sünden und Übertretungen, in der Unbeschnittenheit ihrer Herzen. Und diese Todesart durchdringt, durchzieht und vergiftet ihr ganzes Leben, so daß alles, was sie tun, von dieser Todesart der Schuld und der Sünde überwältigt wird.
Doch während wir noch Sünder waren, starb Christus für uns. Und Gott hat uns mit Christus lebendig gemacht, nachdem er uns alle Übertretungen vergeben hat. Er tilgte den handschriftlichen Schuldbrief mit seinen Satzungen, der gegen uns war und uns feindlich war, und schaffte ihn beiseite, indem er ihn an das Kreuz nagelte. Hier wird etwas sehr Radikales beschrieben. Nicht nur werden wir vergeben, sondern wir werden auferweckt, in Christus lebendig gemacht, und die alte Anklage, die Todesstrafe, der Vorwurf unserer Sünden und unserer Schuld, wird getilgt. Er ist an das Kreuz genagelt, gekreuzigt, vernichtet worden. So daß wir nun mit Gott versöhnt sind, wie der heilige Paulus in 2. Korinther 5,19 sagt:
2. Korinther 5,19 Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selbst.
So wird die Gemeinschaft wiederhergestellt. Unsere Sünden sind vergeben, die Anklage gegen uns getilgt, wir sind wiedergeboren und mit Gott, dem Vater, versöhnt.
Gott verkündet durch den Mund Jesajas in Jesaja 43,25:
Jesaja 43,25 Ich, ich bin der, der deine Übertretungen tilgt um meinetwillen und deiner Sünden nicht gedenkt.
Dieser Tatbestand ist wiederum ein sehr bewegender und tiefer. Die Erinnerung an die Sünde ist schmerzlich, sie gleicht einem verborgenen Krebs. Und die Befreiung von dieser Erinnerung und von der Sünde ist ein neues Leben, eine Heilung unseres Lebens. Das Gedächtnis, der Verstand, das Herz des Menschen werden gereinigt, nicht nur von der Sünde, sondern von jener gequälten Erinnerung an die Sünde. Und wir werden in Christus lebendig gemacht, und die Tyrannei der Schuld wird von uns genommen. Dies ist die Revitalisierung des Menschen, die Vergebung der Sünde.
Dies ist ein wichtiger Tatbestand, auch sozial. Deshalb sucht der heilige Paulus in seinen Briefen immer wieder die Vergebung der Sünden und dann die Lebendigmachung, das Erwecken zum Leben. Er verbindet diese beiden Tatsachen, weil es in der Geschichte nichts Neues gibt ohne die Vergebung der Sünden. Dies ist ein sehr wichtiger Tatbestand. Und deshalb ist es gleichgültig, was Politiker auch versuchen mögen, wenn sie ein „New Deal“ ankündigen, oder was ein chinesischer Usurpator vor zweitausend Jahren mit einer neuen Dynastie, einer neuen Ordnung bezweckte: Es gibt in der Geschichte nichts Neues ohne die Vergebung der Sünde. Dies ist die Tatsache, die der Orient schon vor langer Zeit erkannte.
Asien war in den Jahren vor Christus dem Westen weit, weit voraus. Es war das Zentrum der Zivilisation. Doch es kam zum Stillstand, weil es die Religion bis zum äußersten trieb, jede Möglichkeit erforschte. Und schließlich gelangte es zur Enttäuschung, als es sich der Tatsache von Ursache und Wirkung stellen mußte. Die Lehre vom Karma war das Ergebnis. Karma bedeutet die Last von Sünde und Schuld, die sich selbst auswirkt, Ursachen gleichartige Wirkungen schaffend. Und wir müssen den orientalischen Religionen zugestehen, daß sie das Problem erkannten. Sie sahen die Tatsache, daß ein Ölbaum Oliven hervorbringt. Disteln bringen Disteln hervor. Feigen, Feigen.
Und da der Mensch ein Sünder ist, besagt die Lehre vom Karma lediglich, daß Verderben Verderben zeugt, und daher sagten sie, der Mensch sei durch den endlosen Kreislauf des Karma verdammt, und alles, worauf er hoffen könne, wie oft er auch wiedergeboren werde, sei letztlich, dem Karma in das Nirwana, das Nichts, den ewigen Tod zu entfliehen. Und so war für sie die Geschichte der endlose Kreislauf sinnloser Wiederholung, die Wiederholung der Sünde, mit der einzigen Hoffnung auf Entrinnung im Tod. Sie sahen das Problem, hatten keine Antwort darauf, und das Ergebnis war die Stagnation des Orients.
In den letzten zwei Wochen sahen wir die Antwort, die der Islam auf dasselbe Problem gab. Mohammed sagte, es sei dem Menschen unmöglich, gut zu sein, das Christentum fordere zu viel von ihm; daher, im Gegensatz zu Paulus, der sagt, er sei ein Christ, er sei ein Jude, der es innerlich ist, sagt Mohammed, er sei ein Moslem, der es äußerlich ist. Wir werden dieses ganze Problem von Ursache und Wirkung, von Leben, das Leben zeugt, einfach umgehen. Und so gab er den Menschen eine Religion des Äußerlichen. Und das Ergebnis dieser Religion des Äußerlichen war wiederum Stagnation. Die Welt des Orients und die Welt des Islam wurden stagnant. Kein Fortschritt war möglich. Denn ohne Vergebung der Sünde kann es nichts Neues in der Geschichte geben. Deshalb war Fortschritt nur dort möglich, wo das Wort Gottes war, im alten Israel und unter dem Volk Christi im christlichen Zeitalter.
Kein Fortschritt ist ohne Vergebung der Sünden möglich. Denn nur dann gibt es Entrinnung aus der Schuld. Die Energie des Westens ist nicht rassischer Natur. Hier irren so viele Konservative völlig, ja gottlos, wenn sie meinen, der westeuropäische Mensch sei der Grund für den Fortschritt. Die Westeuropäer, bevor Christi Wort zu ihnen verkündet wurde, liefen in England blau bemalt, nackt, wie Wilde umher, und in Nordeuropa und den germanischen Ländern fraßen sie einander auf. Es ist ein Mythos, daß sie ein fortschrittliches Volk gewesen seien. Sie wurden die größten Völker der Geschichte, als das Wort Gottes sie veränderte. Und sie waren in der Lage, Kulturen und Zivilisationen und Fortschritt hervorzubringen, die in der gesamten Menschengeschichte ihresgleichen suchen. Es wurde etwas Neues eingeführt: die Vergebung der Sünden. Der Mensch, der Vergebung empfangen hat, ist dann, nachdem er durch das Blut Jesu Christi gerechtfertigt, von dem Tode der Sünde und der Vorhaut des Fleisches auferweckt und lebendig gemacht worden ist in Jesus Christus, in der Lage, durch das Gesetzeswort Gottes in der Heiligung voranzuschreiten, um das Neue in die Geschichte einzuführen.
Das Wort „neu“ ist in der Religion, in der Bibel, einzigartig. Andere Religionen sprechen nicht vom Neuen. Andere Kulturen streben nach Neuheiten, aber nicht nach dem Neuen, dem Erneuerten, dem Veränderten. Man schlage in einem Konkordanz nach und sehe, wie oft das Wort „neu“ in der Bibel vorkommt.
Jesaja 62,2 Du sollst mit einem neuen Namen genannt werden.
Jesaja 65,17 Denn siehe, ich schaffe einen neuen Himmel und eine neue Erde; und an das Vorherige soll nicht mehr gedacht werden, und es soll nicht mehr in den Sinn kommen.
Galater 6,15 Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittenheit etwas, sondern eine neue Schöpfung.
Hebräer 10,20 Christus hat einen neuen und lebendigen Weg eingeführt.
Offenbarung 21,5 Siehe, ich mache alles neu.
Dies ist der Unterschied, unter anderem, zu allen anderen Religionen. Nicht Neuheiten, nicht Wandel, nicht endloses Karma, nicht Äußerlichkeit, sondern frisches Leben, Kraft, gesellschaftliche Energie, Macht, wegen der Vergebung der Sünde. Ohne Vergebung gibt es nichts Neues in der Geschichte. Und kein Politiker kann das bereitstellen, was Gott durch Jesus Christus und sein Sühnblut bereitgestellt hat. Neuheit in der Geschichte. Vergebung ist die Kraft Gottes zum Heil, die durch das Herz des Menschen wirkt, um alles zu verwandeln.
Offenbarung 21,5 Siehe, ich mache alles neu.
Vergebung
Das Vaterunser bittet: „Vergib uns unsere Schulden, wie auch wir unseren Schuldigern vergeben.“ Der Text läßt sich auch wiedergeben: „Vergib uns unsere Übertretungen, wie auch wir denen vergeben, die sich an uns vergangen haben.“ Beide Übersetzungen sind zutreffend; erst ihr Zusammenklang erschließt die volle Bedeutung.
Zunächst sind wir das vergibene Volk Gottes. Das ist unsere Stellung vor ihm — nicht aufgrund eigener Gerechtigkeit, sondern aufgrund der Gerechtigkeit Gottes in Christus. Vergebung gründet darin, daß Genugtuung geleistet wurde durch Gott in Christus. Das ist der Grund, auf dem wir vor Gott bestehen. In diesem Rahmen sollen wir vor ihn hintreten. Das heißt nicht, daß wir vergeben, indem wir Vergebung austauschen. Das wäre ein Tauschhandel: man spräche dem Mörder, dem Ehebrecher, dem Dieb Vergebung zu, weil Gott uns vergeben habe, und alle vergäben allen. Das machte Vergebung zur Farce. Vielmehr sollen wir Gottes Wort über Vergebung, seinen Sinn und Gehalt, auf andere anwenden und so die gottgemäße Grundlage der Vergebung in der Gesellschaft aufrichten. Indem wir Gottes Wort anwenden, vergibt er uns.
Erinnern Sie sich an die letzte Stunde: Was Beichte ist. Beichte ist niemals bloß ein Vorgang zwischen Menschen; sie vollzieht sich zwischen Menschen und Gott. Indem wir Christus vor den Menschen bekennen, bekennt sich Christus — soweit wir ein bekennendes Volk sind — vor Gott für uns. Er vertritt unsere Sache vor Gott in Bezug auf unsere Sünden und Nöte, während wir Christus vor den Menschen darstellen in Wort, Gedanke und Tat. Vergebung verhält sich genauso: sie ist nie nur Mensch-zu-Mensch, sondern wieder dasselbe Geschehen. Indem wir das Wort Gottes über Vergebung unter den Menschen anwenden, erfahren wir beständige Reinigung, Erquickung, Erneuerung vor Gott.
Beichte ist im Wesen ein Vorgang zwischen Mensch und Gott, es sei denn, ein bestimmter Mensch ist betroffen. Und auch dann nur, wenn ein offenes Vergehen vorliegt und Genugtuung geleistet werden muß.
Die Beichte vor Gott erfordert das Vermeiden zweier Extreme. Einerseits darf sie nicht rein allgemein bleiben: Wer lediglich betet: „Herr, sei mir Sünder gnädig, ich bekenne, daß ich ein Sünder bin und stets Deiner Gnade bedarf“, und dabei mit einer Art leichter Hand über den Tag hinweggleitet, übersieht sehr reale Sünden – etwa daß man rechthaberisch, grantig oder in anderer konkreter Weise gefehlt hat. Es ist allzu leicht, die eigenen Sünden zu übertünchen; man muß Gott um Vergebung ganz spezifisch bitten, wenn man den Tag Revue passieren läßt. Andererseits führt der Versuch, sich hinzusetzen und jeden letzten Fehltritt, jedes Wort, jeden Gedanken mühsam zusammenzukratzen, in das gegenteilige Extreme. Man muß die Tatsache der eigenen Sünde vor Gott konkret benennen, aber nicht endlos darin verharren, indem man versucht, jede nur mögliche sündhafte Regung abzurufen.
Christus ist der einzige Mittler. Darum beten wir in Jesu Namen. Zwischen Menschen kann es Mittler geben, nicht aber zwischen Mensch und Gott. Wir beichten Gott im Namen Jesu. Da die Vergebung durch das Werk Christi geschieht und Christus unser Mittler ist, treten wir zum Vater im Namen Jesu. Wir schließen unser Gebet im Namen Jesu ab, weil Er der Grund unseres Zutritts ist. Er betet in uns, mit uns, für uns.
Mit unserem Verstand können wir die Trinität nicht erfassen; wir können sie nur in einem gewissen Maß verstehen, nicht mehr. Im Glauben nehmen wir die Tatsache an, daß Gott dreieinig ist: Gott der Vater, Gott der Sohn und Gott der Heilige Geist.
Psalm 19,13–14 „Wer kann seine Verfehlungen verstehen? Reinige mich von verborgenen Fehlern. Bewahre Deinen Knecht auch vor frevelhaften Sünden.“
David teilt die Sünden hier in zwei Kategorien ein – von einem Gesichtspunkt aus ließe sich von dreien sprechen. Die frevelhaften Sünden sind jene, bei denen wir vorsätzlich, hochmütig Gottes Gesetz beugen oder beiseiteschieben. Davids Bitte: „Bewahre mich davor.“ Es kommt vor, daß man meint, man habe schon so viel durchgemacht, da könne man Gottes Gesetz an dieser oder jener Stelle schon ein wenig biegen – das ist Frevel. Dann fragt er: „Wer kann seine Verfehlungen verstehen?“ Da wir nicht sündlos sind, sind wir bisweilen selbst vor unseren eigenen Sünden blind.
Wer kann sein Herz ganz ergründen? Herr, du kennst mich ganz — bewahre mich. Reinige mich von verborgenen Fehlern; das kann sich sowohl auf die dem Beter selbst verborgenen wie auf die vor anderen verheimlichten beziehen, oder auf beide zusammen.
David hatte lange Jahre als Gejagter in der Wüste zugebracht, bevor er gesegnet wurde; manche Psalmen spiegeln die schweren Erfahrungen des Flüchtlings wider. Wenn er von den Reichen spricht, die in ihrem Frevel gedeihen, so meint er die Gottlosen, deren äußeres Glück ihn anfänglich erzürnt. Erst wenn er ihr Ende bedenkt und das sichere Gericht Gottes vor Augen hat, kehrt er von seiner Ungeduld um. Wie viele von uns fand David es schwer, auf das Gericht zu warten; er wollte alles hier und jetzt geordnet sehen — eine große Versuchung.
Ein Beispiel mag die Sache verdeutlichen. Irene Kampen, fünfundvierzig Jahre alt, kehrte an die Universität von Wisconsin zurück, um die letzten sechs Leistungspunkte für ihren Abschluss zu erwerben. Die Kommilitonen starrten sie an: „Was machst du hier, Oma?“ Man befragte sie, als habe sie William Jennings Bryans Wahlkampf selbst erlebt; immer wieder mußte sie sagen: „Seht her, ich gehörte zum Jahrgang ‚43, nicht ‚03.“ Sie fand Unterkunft bei einer jungen Studentin, geriet aber in Konflikt mit der Verwaltung, weil ihr die Erlaubnis der Mutter zum Wohnen außerhalb des Campus fehlte. Sie mußte die alte Mutter anrufen, damit diese per Luftpost eine Genehmigung schickte. Der Campus schockierte sie: Hippies, offene Unmoral. Bis die Erlaubnis eintraf, mußte sie in ein Wohnheim ziehen — in ein Zimmer, das ein schwangeres Mädchen geräumt hatte. Es war ein gemischtes Wohnheim, der Ort also, an dem die Verwaltung ihre Aufsicht ausübte; weit weniger angenehm als ihre vorherige Unterkunft. Schließlich ging sie in die kleine, schöne Kapelle, in der sie als Studentin früher gebetet hatte.
„Wohin gehst du, Mrs. Kampen?“ fragte Frannie, während sie in ihren hübschen Morgenmantel gehüllt in das Wohnzimmer trat – das Zimmer ihrer Mitbewohnerin – just in dem Moment, als ich mich an der Haustür hinausstahl. Sie gähnte: „Es ist erst neun Uhr morgens“, sagte sie, „und heute ist Sonntag. Wo zum Teufel gehst du hin?“ „Nun“, sagte ich schuldbewußt, „ich dachte, ich mache vielleicht einen Spaziergang, sehe mich ein wenig um und schaue vielleicht in der Kirche vorbei.“ „In welcher Kirche?“ fragte Frannie. „Episkopal“, sagte ich, und huschte wie ein Dieb zur Tür hinaus und den Flur entlang. Der Grund für diese ganze Heimlichkeit war, daß alle in ein lautes Streitgespräch verwickelt waren – eine Gruppe hippiehafter Studenten hatte sich in der Wohnung versammelt –, über die organisierte Religion und wie schrecklich sie sei, und wie die Kirche das Establishment aufrechterhalte. Und wenn Jesus heute auf die Erde zurückkäme, würde er sofort ins Gefängnis geworfen. Und Mexiko sei das fortschrittlichste Land der Welt, weil dort Marihuana legal sei. Und wie der Pfarrer einer bestimmten Kirche in Baraboo eine Affäre mit einer verheirateten Chorsängerin gehabt habe, was eben zeige, und so weiter, und so fort. Danach fing Morris an, über Buddhismus zu reden, über Mettā und sein eigenes Karma, das sich nach Morris' Beschreibung in ziemlich schlechtem Zustand befand. Bei alledem hatte es wenig bis gar keine Gelegenheit für mich gegeben, ein gutes Wort für die High Meadow Episcopal Church in Connecticut einzulegen, Pfarrer C. Lester Mitchell. Die schwere Schulddecke, unter der ich den Rest der Nacht unruhig schlief, trieb mich an diesem Sonntagmorgen in die Kälte hinaus, um Vergebung und Trost in der episkopalen Kirche hier auf dem Campus zu suchen.
Ach, wie alles andere in den vergangenen fünfundzwanzig Jahren hatte sich St. Joseph's von dem Ort entfernt, an dem es hingehörte – am Fuße eines Hügels – ans andere Ende der University Avenue. Es hatte sich auch abgerissen und in die Form eines Fisches wiederaufgebaut. Ich fand es endlich und trat, halb erfroren, ein. Ein Schwarzes Brett in der Sakristei gab Auskunft, daß der Reverend Vernon Vanderbee an jenem Tag predigen würde, und das Predigtthema lautete: War Jesus ein Aussteiger? Bevor ich angesichts dieser beunruhigenden Nachricht den Rückzug antreten und ein anderes Gotteshaus aufsuchen konnte, wurde ich von einem Kirchendiener ergriffen und den Mittelgang hinab auf eine Bank direkt vor dem Altar gedrängt, der aus zwei Platten schwarzen Marmors bestand und in seiner Größe für die Opferung eines Ochsen geeignet war.
Eine Dozentin, eine ehemalige Verbindungsfreundin, winkte mich in ihre Bankreihe. Ich setzte mich mit einem gewissen Unbehagen. Auf dem Weg durch den Mittelgang war mir der Geruch von Weihrauch in die Nase gestiegen, und ich hatte das ferne Klingeln einer Glocke vernommen. Zwei Anzeichen dafür, daß St. Joseph nun ausgesprochen „high church“ war. Sehr, sehr „high“, fürchtete ich, wenn das Licht über dem Altar das bedeutete, was ich vermutete.
„Wir dürfen uns heute auf etwas ganz Besonderes freuen“, sagte die Kollegin. „Pater Vanderbee wird den Kommuniongottesdienst zelebrieren, begleitet von einer Folk-Rock-Messe. Die Musik liefert unsere beliebte Campus-Folk-Rock-Gruppe, die ‚Risen Dead‘.“
Bevor ich fragen konnte, was eine Folk-Rock-Messe sei, begann ein ganzes Geläut zu klingen, und wer auch immer für den Weihrauch zuständig war, legte richtig los. Dann schwärmte eine Schar Akolythen in scharlachroben Gewändern aus den Seitenschiffen herbei und entzündete eine Vielzahl von Kerzen. Alle erhoben sich. „Ich genieße diesen Moment immer so sehr“, flüsterte die Kollegin und drehte sich zum Kircheneingang hin. Ich blickte in dieselbe Richtung und sah durch eine Wolke von Weihrauch eine Prozession auf uns zukommen — Chorherren, Kreuzträger, Kerzenträger, Chorknaben, weitere Geistliche und Akolythen —, daß ich nur starr vor Staunen dastehen konnte.
„Sieht Pater Vanderbee heute nicht imposant aus?“, raunte die Kollegin. Pater Vanderbee selbst beschloß den Zug in einem weißen Taft-Ornat mit Kapuze, Spitze, blondem Haar und samtenem Tippet. Er raschelte beim Gehen. Als er an mir vorbeiging, fiel mir auf, daß er Hush-Puppies trug und einen Peace-Button an seiner Soutane befestigt hatte.
„Eine Ankündigung“, sagte Pater Vanderbee. Alle setzten sich. „Unmittelbar nach dem Gottesdienst findet im Gemeindehaus unsere gewohnte Kaffeestunde statt, zu der Sie alle eingeladen sind, um mit uns über Jesus zu sprechen. Daran schließt sich ein Korbgeflecht-Workshop an, den Dr. — leiten wird, der sich als äußerst anregend verspricht.“
Die Kollegin schenkte der Gemeinde ein königliches Lächeln. Ich nahm mir vor, der Kaffeestunde und dem Workshop auf jeden Fall fernzubleiben. (Es gelang mir nicht.)
„Lassen Sie uns nun aufstehen und einander den Frieden zusprechen“, sagte Pater Vanderbee. Alle erhoben sich, wandten sich dem Nachbarn zu, faßten seine Hand und sprachen: „Der Friede des Herrn sei allezeit mit dir“, worauf der andere antwortete: „Und mit deinem Geiste“ — wie bei einer Koan-Sitzung. Es war furchtbar peinlich, besonders die Art, wie die Augen der Kollegin in die meinen bohrten.
„Laßt uns nun niedersitzen“, sagte Pater Vanderbee. Alle setzten sich. „War Jesus ein Aussteiger?“, fuhr Pater Vanderbee fort, stürzte sich kopfüber in die Predigt. „Verlor er die Nerven, als es ernst wurde? Schlief er ein, als die Mächtigen ihn bedrängten? War er ein Feigling?“ Dann redete er immer weiter und weiter über Jesus, in so viel Slang, daß ich ihm überhaupt nicht folgen konnte, selbst mit Hilfe des Wörterbuchs in meiner Handtasche nicht.
„Aber unser Herr hat es durchgestanden“, rief Pater Vanderbee, endlich damit endend, daß Jesus kein Trottel war, und Jesus kein Spießer, „er blieb cool, Brüder, er kam durch wie ein Vogel, mögen wir dasselbe tun. Laßt uns beten.“ Alle knieten nieder und beteten eine Weile, dann standen alle wieder auf und beobachteten die Szene wie bei einer Matinee in der Radio City Music Hall, während Pater Vanderbee und seine fröhliche Schar sich auf das Abendmahl vorbereiteten. Das erforderte so viel Herumgepatze und Getue mit Wasser und Wein, Oblaten, Kännchen und Becken, daß ich überzeugt war: Reverend Mitchell, wäre er zugegen gewesen, hätte sich augenblicklich in eine Salzsäule verwandelt. „Laßt uns beten“, sagte Pater Vanderbee erneut, und so mußte sich alle noch einmal auf die Knie niederlassen und eine Weile beten. Ein durchdringender elektronischer Schrei kam von der Orgelempore her, und ich hob den Blick von meinen gefalteten Händen, um, in schockrosa Talare gekleidet, dieselbe Combo zu sehen, die bei der unglückseligen Alpha-Delta-Party für die Musik gesorgt hatte.
Die Schilderung einer „Volksrock-Messe“ gibt den Ton an. Ein gewisser Dr. H. flüsterte: „Die auferstandenen Toten“, und deutete auf die Empore. Der Schrei war dem Gitarristen entfahren, der sich in eine Steckdose eingestöpselt hatte. Der Schlagzeuger kämmte gelangweilt sein schulterlanges Haar, der Bassist bohrte gedankenverloren in der Nase. Plötzlich rief Pater Vanderbee, in die Hände klatschend wie Al Jolson beim Ruf nach „Mammy“, und zum Zeichen setzte der Schlagzeuger der „Auferstandenen Toten“ zu einem Wirbel an; das Trio stürzte sich in die Messe. Wer noch nie die halluzinogene spirituelle Erfahrung einer Volksrock-Messe gemacht hat, mag sich den Ablauf so vorstellen: „Und ich glaube, dumpf, dumpf an einen Gott dumpf dumpf, den Vater Allmächtigen dumpf dumpf-dumpf dumpf.“ Das Dumpfhämmern zieht sich durch den gesamten Kommuniongottesdienst, besonders bei den Fürbitten für Bischöfe und andere Geistliche, namentlich den Bischof von Milwaukee. Schließlich endet das laute Dumpfhämmern mit einem letzten donnernden Schlag beim Amen. Nach dem Schlussamen erhoben sich alle und bewegten sich zum Ausgang. „Ich hoffe, Sie bleiben zu meiner Korb flechtvorführung und dem Workshop, Schwester Kampen“, sagte Dr. H. und fixierte die Erzählerin mit jenem kalten, brennenden Blick. Man hätte gern geantwortet: „Nein, ich bleibe nicht, glauben Sie, ich sei verrückt?“ Doch die Kombination aus diesem Blick und der plötzlichen Erinnerung an die bevorstehenden Halbjahresprüfungen war zu überwältigend. „Aber natürlich bleibe ich, A.“, entfuhr es ihr.
Das Gesamtbild, das die Verfasserin von der Schule zeichnet, wirkt im Vergleich fast ruhig und gefaßt. Hinzu kommt der Bericht über ihr Klassentreffen: der Jahrgang 1943, fünfundzwanzigjähriges Jubiläum. Auch die anwesenden Eltern der Schüler schneiden in puncto wirklicher Substanz und Charakter nicht besser ab. Der Titel, entlehnt einem Plakat auf dem Campus – „Wegen mangelnden Interesses wurde der morgige Tag abgesagt“ –, trifft den Kern.
Darauf zielt das Buch ab: Welche Zukunft ist möglich, wenn Menschen und Priester, Eltern und Kinder auf so leichtgewichtigem Niveau verharren? Es ist ein sehr komisches Buch; doch mit ihrem reichen Humor entwirft die Autorin ein äußerst düsteres Bild. Es lohnt sich zu lesen.