1. Mose 3,1–6:
Die Schlange aber war listiger als alle Tiere des Feldes, die Gott der HERR gemacht hatte. Und sie sprach zu der Frau: Sollte Gott wirklich gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten? Und die Frau sprach zu der Schlange: Wir essen von der Frucht der Bäume im Garten. Aber von der Frucht des Baumes, der mitten im Garten steht, hat Gott gesagt: Ihr sollt nicht essen davon und sie nicht anrühren, damit ihr nicht sterbt. Da sprach die Schlange zur Frau: Keineswegs werdet ihr sterben! Sondern Gott weiß: An dem Tag, da ihr davon esst, werden euch die Augen aufgehen, und ihr werdet sein wie Gott, wissend Gut und Böse. Und als die Frau sah, daß der Baum gut zur Speise war und eine Lust für die Augen und begehrenswert, klug zu machen, nahm sie von seiner Frucht und aß und gab auch ihrem Mann, der bei ihr war, und er aß.
Nach der Heiligen Schrift gibt es einen vierfachen Stand des Menschen. Dies ist wesentlich zu erkennen, wenn wir der Frage nachgehen: Was ist der Mensch? — eine biblische Anthropologie. Von seiner Schöpfung bis zu seinem ewigen Zustand durchläuft der Mensch vier Bedingungen. Eine davon betrifft uns nicht: der Stand der Unschuld, der Zustand der Menschheit im Garten Eden. Mit dem Sündenfall trat der Stand der Verderbnis ein, das Erbe aller Söhne Adams, der gesamten Menschheit. Darauf folgt mit der Erlösung der Stand der Gnade, und mit dem Tod, dem Eingang in den Himmel sowie dem Ende der Welt und der neuen Schöpfung der Stand der Herrlichkeit. Dies ist der vierfache Stand des Menschen: Unschuld, Verderbnis, Gnade und Herrlichkeit. Bereits wurde dargelegt, welche Implikationen das Bild Gottes im Menschen für den Stand der Unschuld hat; seine Tragweite erstreckt sich auch auf jeden weiteren Stand. Nun wendet sich die Betrachtung spezifisch dem Stand der Verderbnis zu. Es folgen die Darlegungen zum Stand der Gnade und zur Herrlichkeit.
Der Zustand der Verderbnis oder die Lehre von der totalen Verderbnis ist eine viel mißverstandene Lehre. Sehr häufig bestehen Menschen darauf, sie könne nicht wahr sein, weil sie einige sehr böse Männer gekannt hätten, die zeitweise sehr deutlich fähig gewesen seien, Gutes zu tun. Die Antwort darauf ist natürlich, daß die älteren Theologen, Calvin unter ihnen, wenn sie die Lehre von der totalen Verderbnis erörterten, auch auf die häufigen Akte der Güte seitens verworfener Männer aufmerksam machten. Die Lehre von der totalen Verderbnis bedeutet nicht, daß der gefallene Mensch nicht von Zeit zu Zeit, manchmal oft, sehr echte Güte zeigen könne. Was sie bedeutet, ist, daß die Infektion der Verderbnis total ist. Das heißt, jeder Aspekt des Menschen ist verdorben und wird vom Sündenfall beherrscht. Durch das falsche religiöse Prinzip des Sündenfalls, worin der Mensch sich selbst zu seinem Gott macht. Daher ist jede Güte, die der Mensch als Sünder begeht, in den Kontext jenes falschen religiösen Prinzips gestellt. Und daher ist sie keine Güte vor Gott. Jenes falsche religiöse Prinzip wurde vom Verführer im Garten ausgesprochen. Es hat mehrere Prämissen, die der Erbsünde grundlegend sind, grundlegend für die Natur und Psychologie des Menschen im Zustand der Verderbnis. Es ist wichtig für uns, zu verstehen, was jene Prämissen sind. Zunächst einmal sagte der Verführer: Ihr werdet keineswegs sterben. Ihr mögt möglicherweise sterben. Es ist ganz wahrscheinlich, daß ihr es tut; dies ist ein Risiko, ein Wagnis, das ihr eingeht. Aber die Aussage des Verführers war: Ihr werdet keineswegs, unfehlbar, unausweichlich sterben.
In der Schrift wird uns gesagt, daß die Teufel an Gott glauben und zittern. Sie sind sich Seiner Existenz und Macht bewußt. Aber sie sind in ihrer Theologie arminianisch. Das heißt, sie leugnen die absolute Souveränität Gottes. Was Satan sagte, als er sprach: Ihr werdet keineswegs sterben, ist, daß Gott den Menschen und die ganze Realität nicht absolut regiert und vorherbestimmt. Daher kann er nicht mit absoluter Sicherheit Folgen vorhersagen. Ihr mögt sterben, aber ihr werdet keineswegs sterben.
Der heilige Paulus lehrt, wen Gott vorherkannt hat, den hat Er auch vorherbestimmt. Das Apostelkonzil in Jerusalem erklärte, daß Gott alle Seine Werke von Grundlegung der Welt an bekannt seien. Unser Herr bestätigte die Lehre der Vorherbestimmung bis zu dem Punkt, da Er sagte, die Haare auf eurem Haupt seien alle gezählt. Gottes Vorwissen und Vorherbestimmung sind derart total. Kein Sperling fällt zur Erde ohne euren Vater im Himmel. Nicht ihr habt Mich erwählt, sondern Ich habe euch erwählt. Durch die gesamte Schrift hindurch wird die absolute, vorherbestimmende Souveränität Gottes bezeugt.
Nach Satan jedoch kann Gott unseren Fall und unseren Tod nicht vorhersagen, Er kann die Zukunft nicht vorhersagen, Er ist sehr mächtig, aber nicht absolut souverän. Der Mensch lebt in einem offenen Universum. Es steht offen für Experimente, für Entwicklung, für Wandel. Darum werdet ihr keineswegs sterben. Es besteht eine Chance, wenn wir uns gegen diesen Tyrannen auflehnen, einen Keil der Freiheit in das Universum zu treiben. Ein offenes Universum zu schaffen, in dem der Mensch seine eigenen Potentiale, seine eigene Absolutheit entfalten kann.
Zweitens die Prämisse: Der Weg zur Freiheit, so der Verführer, sei der Bruch von Gottes Gesetz. Gehorsam gegen Gott sei Knechtschaft. Ungehorsam sei Befreiung. Lasset uns eine Befreiungsbewegung hier im Garten Eden beginnen.
Nicht nur eine Frauen- oder Männerbefreiungsbewegung, eine Befreiungsbewegung für die Menschheit. Und ich rufe euch, die ihr Gottes Sklaven seid, zur Freiheit, was bedeutet, Gottes Gesetz aufzugeben. Gott ist mächtig, Er ist eine Bedrohung. Aber: Ihr werdet keineswegs sterben. Wir können hier einen Keil treiben, wir können unsere eigenen Potentiale entfalten. Wir können unsere eigene Endgültigkeit gegen Gott geltend machen und nach und nach Seine Tyrannei stürzen, und der Weg dazu ist die Verletzung Seines Gesetzes. Sollte Gott wirklich gesagt haben? Brechet Gottes Gesetz. Das ist der Weg zur Befreiung.
Und drittens: Befreiung bedeutet, daß ihr sein werdet wie Götter, jeder Mensch sein eigener Gott. Wenn der Mensch sein eigener Gott ist, kann er sich nicht vor anderen Göttern beugen, er muß seine eigene Göttlichkeit behaupten. Das bedeutet Krieg gegen Gott. Zwei sich gegenseitig ausschließende Ansprüche können nicht nebeneinander bestehen. Einer der Götter muß weichen. Und die Konsequenz dieser Position liegt auf der Hand: Beseitigt Gott, und dann habt ihr alle anderen Götter, die anderen Menschen. Deshalb hat Jean-Paul Sartre, der einflußreichste Philosoph dieses Jahrhunderts, der Existentialist, indem er behauptete, der Mensch müsse sein eigener Gott werden, gesagt: Für mich ist mein Nächster der Teufel. Wenn ich Gott bin und er beansprucht, Gott zu sein, muß einer von uns weichen. Und heute erheben die Jünger der Neuen Linken, naturgemäß Sartres Schüler, ihre Hand gegen jeden Menschen. Was sie erstreben, ist ultimative Panarchie. Eine Welt, die Gott beiseite gesetzt hat und sich dann selbst umbringt. Jeder Mensch sein eigener Gott.
Ein vierter Grundsatz liegt dem Angebot des Verführers zugrunde. Ihr werdet sein wie Götter, wissend, das heißt: selbst bestimmend, was Gut und Böse ausmacht. Der Mensch kann jenseits von Gottes Gut und Böse leben. Warum sollte der Mensch sich den Absoluten Gottes beugen? In dieser Befreiungsbewegung für die Menschheit wird bekräftigt, daß wir entscheiden können, was recht und unrecht ist, danach, wie es uns betrifft. Behagt es mir? Dann ist es gut. Mißfällt es mir? Dann ist es böse. So sind Gut und Böse wesentlich auf den Menschen bezogen, nicht absolut über dem Menschen. Es gibt kein Element der Transzendenz. Es gibt keine moralische Notwendigkeit, die den Menschen an den Menschen bindet. Das ist, was Erbsünde bedeutet. Es ist die Befreiungsbewegung, die der Satan der Menschheit anbietet. Ihre Unabhängigkeitserklärung: Gott.
Und doch schiebt dieser selbsternannte Gott, nachdem er seinen religiösen Standpunkt eingenommen hat, als er von Gott zur Rechenschaft gezogen wird, warum er dies getan habe, die Schuld auf die Umwelt. Adams Entschuldigung: die Frau, die du mir gabst, es war deine Schuld, Gott, sie gab mir, und ich aß. Ich bin das Opfer. Und die Frau: die Schlange gab mir, und ich aß. Umweltbestimmtheit, rein und einfach. Umweltbestimmtheit geht Hand in Hand mit Humanismus und mit dem Anspruch des Humanismus, Gott zu sein.
Hier liegt ein Widerspruch vor. Einerseits führt der Humanismus, die totale Verderbtheit des Menschen, die Sünde des Menschen, zu der Behauptung des Menschen, er sei Gott, und andererseits zu der Behauptung, die Umwelt sei verantwortlich. Beides scheint auf den ersten Blick widersprüchlich. Doch was ist ihre Begründung, was steckt hinter diesem doppelten Anspruch?
Um die Bedeutung zu verstehen, wollen wir eine Anzeige betrachten, die in den vergangenen paar Monaten für ein pornografisches Buch erschien. Das Buch, ein besonders obszönes Werk, war an ein männliches Publikum gerichtet. Und der gesamte Zweck des Buches bestand offenbar darin, Männern beizubringen, wie sie jede Frau verführen können; tatsächlich war dies der Anspruch der Anzeige. Ich zitiere: „Überlassen Sie die Liebe nicht dem Zufall. Wenn Sie einer attraktiven Frau begegnen, stellen Sie sicher, daß sie in nur fünf Minuten Ihnen gehört. Indem Sie die Kraft der sexuellen Visualisierung entwickeln, die alle Männer besitzen, aber nur wenige anzuwenden wissen.“ Ende des Zitats. Sehr grob behauptet diese Anzeige also, daß ein Mann, wenn er ihren Anweisungen folgt, jede Frau der Welt in fünf Minuten verführen kann. Zum mindesten setzt dies ein sehr niedriges Frauenbild voraus. Wie lassen sich dies und das dahinterstehende Denken erklären? Wenden wir uns erneut Sartre zu. Denn in sehr grober Form ist dies Sartres Philosophie. Sartre sagt in seiner Philosophie, daß der Mensch keine Essenz habe, das heißt keine definierte Natur. Er ist. Und er ist lediglich ein Produkt blinder Evolution. Er muß sich selbst zum Gott machen. Doch sowohl er als auch sein Nächster sind gegenwärtig ohne Essenz, ohne Natur. Beide sind Produkte blinder, sinnloser Evolution. Als Folge sind wir im Moment nur formlose Massen, Produkte der Umwelt, die Evolution ist. Wir haben keinen Sinn an und für uns selbst, wir haben keine Natur, wir haben keine Bestimmung. Wir sollten uns zu Göttern machen. Nun, wenn der Mensch Gott werden will, muß er seine Göttlichkeit in zwei Richtungen ausüben. Gegenüber seiner Umwelt, daher die These, die heute oft von Wissenschaftlern vertreten wird, der Mensch müsse nun die Evolution kontrollieren und lenken. Die Evolution war seine Umwelt, die ihn formte. Nun muß er die Evolution machen. Das ist ein Bereich, in dem der Mensch Gott spielen muß, gegenüber der Welt um ihn herum. Und deshalb ist der Sünder der große Umweltverschmutzer. Denn seine Art, Gott zu spielen, besteht darin, zu versuchen, die Umwelt zu zerstören, um seine Macht über sie zu beweisen, und es ist dann, wenn man ein Zeitalter der Sünde hat, daß man ein großes Zeitalter der Verschmutzung hat.
Man hatte dies dann immer wieder. Man hatte in den vergangenen Jahrhunderten praktisch jeden Fluß Europas zu der einen oder anderen Zeit als stinkende Kloake vorgefunden, und alle Fische waren tot. Verschmutzung ist nicht neu, sie kommt und geht im Hinblick auf den Abfall des Menschen. Denn der Mensch genießt das Zerstören, es ist eine Art, Gott zu spielen.
Der andere Bereich, in dem der Mensch Gott spielt, ist das Verhältnis zu anderen Menschen. Denn wenn er Gott sein will, müssen die anderen der Teufel sein; sie werden ihn vereiteln. Deshalb muß er versuchen, in ihrem Leben Gott zu spielen. Aus diesem Grund sind menschliche Beziehungen bei den Gottlosen ein Problem. Die Ehe ist ein Problem. Da sind zwei Menschen, die jeweils versuchen, im Leben des anderen Gott zu spielen, den anderen ihrem Willen zu beugen — nicht, um sich aneinander zu erfreuen mit all ihren Tugenden, Sünden und Schwächen, sondern um sie zu beugen, sie nach dem eigenen Willen umzugestalten.
Es ist sehr bezeichnend, daß der geläufige Ausdruck für Verführung „eine Frau machen“ lautet, und wir davon sprechen, daß eine Frau „auf dem Machen“ ist. Der ganze Sinn besteht darin, mit einem anderen Menschen zu spielen, ihn zu benutzen, über ihm Gott zu spielen. So wird in der zitierten Anzeige der gottgleiche Verführer zur totalen und allmächtigen Umwelt jeder Frau und formt sie so ganz nach seinem Willen. Das ist der ganze Reiz: absolut Gott zu spielen. Jede Frau, in fünf Minuten, und man ist absoluter Gott. Wenn aber der Environmentalismus falsch ist, dann sind Mann und Frau Geschöpfe Gottes, nach Seinem Bilde geschaffen und Ihm verantwortlich. Sie können sich nicht mit Berufung auf die Umwelt als unschuldig ausgeben. Sie sind weder Götter noch Opfer. Sie sind Sünder.
Um auf den Gegenstand zurückzukommen: sowohl der Verführer als auch die Verführte sind Sünder. Sie müssen die Schuld an ihrer Sünde bei sich selbst suchen. Beide stehen gleichermaßen im Krieg mit Gott und seinem Gesetz, beide streben nach moralischer Autonomie von Gott. Beide sind auf Selbstbefriedigung aus. Und sie definieren, was gut und böse ist, allein danach, was es ihnen nützt. Der moralische Kodex des gefallenen Menschen wurde von einem durch und durch gefallenen Menschen, Ernest Hemingway, treffend formuliert. Hemingway sagte: „Was moralisch ist, ist das, worüber man sich danach gut fühlt. Und was unmoralisch ist, ist das, worüber man sich danach schlecht fühlt.“ Mit anderen Worten: Moral bedeutet, seinen Gefühlen treu zu sein. Wenn jemand Freude am Töten empfindet, so ist das vortrefflich; es ist gut. Wenn jemand sich nach dem Diebstahl von fünfhundert oder tausend Dollar gut fühlt, so ist es gut. Natürlich: wenn es ihn bekümmert, dann ist es für ihn schlecht. Also soll er es nicht tun, es sei denn, er genießt es. Das ist Hemingways moralischer Kodex.
Vor langer Zeit brachte es der große reformierte Theologe Thomas Boston in diese Worte: „Jeder Mensch liebt es von Natur, in völliger Freiheit zu sein. Seinen eigenen Willen zum Gesetz zu haben. Und wenn er seinen natürlichen Neigungen folgen würde, würde er sich selbst aus dem Bereich aller Gesetze, göttlicher und menschlicher, herauswählen.“ Das trifft es genau. Der natürliche Mensch würde sich aus allen Gesetzen, göttlichen und menschlichen, herauswählen. So will er Gott spielen. Und nicht nur das: nun, da er dem Gott der Schrift gegenübersteht, versucht er, ihn neu zu definieren und Gott selbst nach seinem eigenen Bilde und nach dem Bilde Satans zu gestalten.
Und er sagt, und ich zitiere: „In der Revolution verstanden zu werden, ist gewiß ein freier Gott. Leider ist ein freier Gott auch ein strenger Gott, da der Kodex für sein rechtes Verhalten nicht starr definiert ist.“ Was er damit aussagt, ist, daß Gott frei ist von jeder Vorstellung von Recht und Unrecht, mit anderen Worten: Er hat keine Natur. Daher, so fährt er fort, könne man nicht sagen, daß irgendeine bestimmte Politik oder irgendeine bestimmte Revolution die ideale sei. Einem solchen Gott zu begegnen, bedeutet nicht notwendig, sich einer bestimmten politischen revolutionären Bewegung anzuschließen, oder daß dieser Gott immer institutionelle Subversion gutheißt. Warum? Weil es ewige Revolution ist. Man ist gegen alles, man ist immer gegen die bestehende Ordnung, was sie auch sein mag. Und wenn es heute heißt: Du sollst nicht töten, nicht ehebrechen, nicht stehlen, nicht falsch Zeugnis ablegen, dann bist du dafür, all diese Dinge zu tun. Und wenn morgen jene Unmoral zu einem Kodex gemacht wird, dann bist du dagegen. Du bist beständig gegen das, was ist. Dies ist die Umgestaltung Gottes nach dem Bild Satans. Und es besagt, daß es keine Gebote geben kann. Kein Gesetz über den Menschen irgendeiner Art und daß es kein Gesetz in Gott gibt. Nicht nur haben sich die Menschen gegen Gott empört und versucht, ihre eigenen Götter zu werden, sondern sie haben versucht, Gott nach dem Bild Satans umzugestalten. Es kann nichts geben, das sie bindet. Nichts über ihnen.
Kürzlich erschien ein Brief, der die moderne rebellische Gesinnung treffend veranschaulichte. Ein junger Mann beklagte sich, daß ihm wegen langer Haare und eines Bartes die Einstellung verweigert worden sei, obwohl seine Qualifikationen ausgezeichnet seien. Er betrachtete es als sein verfassungsmäßiges Recht, sein Aussehen frei zu wählen, und lehnte es ab, sich den Anforderungen anzupassen, mit der Begründung, das System sei verdorben. Dies zeigt den Anspruch auf völlige Autonomie und die Ablehnung jeder übergeordneten Ordnung.
Mit anderen Worten: Was auch immer der Mensch als sein verfassungsmäßiges Recht ansieht, dem hat sich jeder zu beugen. Dies ist das Zeitalter der Maßlosigkeit in Reinkultur. Ich will meinen Willen, und die Welt hat sich meinem Willen zu fügen. Es kommt ihm nicht in den Sinn, daß ein Arbeitgeber das verfassungsmäßige Recht hat, ihn für eine Stelle abzulehnen. Er aber kann tun, was ihm beliebt; wenn er morgen beschließt, ein Kleid anzuziehen, zur Arbeit zu gehen und sich um eine Stelle zu bewerben, so werden zweifellos seine Bürgerrechte verletzt, wenn man ihn ablehnt. Mein Wille geschehe. Ich bin mein eigener Gott, und die Welt möge sich vor mir beugen.
Da verwundert es nicht, daß angesichts dessen Kinderpsychologen auftreten, die beharrlich behaupten, die Sauberkeitserziehung füge dem Kind Gewalt zu. Nun, wenn man das Kind nicht erzieht, so verübt es Gewalt an Ihrem Teppich. Aber selbstverständlich kommt dergleichen in deren Überlegungen nicht vor.
Thomas Boston sagte, daß der Mensch von Natur aus danach strebt, in voller Freiheit zu leben, seinen eigenen Willen zum Gesetz zu haben. Und würde er seinen natürlichen Neigungen folgen, so würde er sich selbst aus dem Geltungsbereich aller Gesetze, menschlicher wie göttlicher, herauswählen. Boston fuhr fort: „Der nicht erneuerte Wille ist gänzlich verkehrt. In Bezug auf des Menschen höchsten und vornehmsten Zweck ist des natürlichen Menschen höchster Zweck nicht Gott, sondern er selbst. Die meisten Menschen sind so fern davon, Gott zu ihrem höchsten Zweck in ihren natürlichen und bürgerlichen Handlungen zu machen, daß Gott in all diesen Dingen nicht in ihren Gedanken ist. Ihr Essen und Trinken und dergleichen natürliche Handlungen gelten sich selbst. Ihrem eigenen Vergnügen oder ihrer Notdurft, ohne jeden höheren Zweck. Habt ihr nicht für euch selbst gegessen? Sie haben kein Auge auf die Herrlichkeit Gottes in diesen Dingen, wie sie es haben sollten. Sie suchen Gott zwar, aber nicht um seiner selbst willen, sondern um ihrer selbst willen. Sie suchen ihn überhaupt nicht, sondern nur um ihres eigenen Wohls willen. So ist ihr ganzes Leben in ein einziges Gewebe praktischer Gotteslästerung verwoben, das Gott zum Mittel und sich selbst zum Zweck macht, ja zu ihrem höchsten Zweck.“
In einem kürzlich erschienenen Artikel der Zeitschrift „Life“ über die sogenannten Jesus Freaks, den einer von Ihnen weitergab, tritt eine aufschlussreiche Haltung zutage. Diese Gruppen vertreten die Auffassung, daß Gott auf ihre Forderungen hin liefern müsse; schließlich — so ihre Logik — sei er tot. Gott wird lediglich als Diener des Menschen begriffen, der sich selbst als Gott wähnt. Das ist nicht Christentum. Es macht Gott zum Mittel und den Menschen zum Zweck. Es ist die alte Frage: „Sollte Gott wirklich gesagt haben?“ Für sie gibt es keinen souveränen Ratschluß, keinen göttlichen Plan. Gott ist ihr Knecht, sie sind der Souverän. Damit offenbaren sie ihre wahre Natur.
Ein besonders bezeichnendes Bild erschien während des jüngsten Marsches auf Washington auf der Titelseite des „Herald Examiner“. Es zeigt einen langhaarigen Demonstranten, dessen Transparent von vorbeigehenden Bürgern zerrissen wurde. Er hüpft vor Wut und Frustration auf und ab wie ein Kind, das einen Tobsuchtsanfall bekommt. Gerade das sind Kinder: Sünder. Sie offenbaren die zweite Natur des Menschen, seinen zweiten Stand, die Verderbnis. Deshalb müssen sie stubenrein erzogen, diszipliniert, unterwiesen und erlöst werden. Ihre Natur zeigt, daß die Welt sich um sie selbst dreht.
Unser Gott aber tut, was ihm gefällt, gemäß der Schrift. Er ist souverän, der allgerechte, allmächtige, allheilige Gott. Wir sind sein Volk, berufen, ihm zu dienen, vor ihm niederzufallen und uns an seiner Allmacht zu freuen. Und uns daran zu freuen, daß der Sieg unser ist in Jesus Christus, unserm Herrn. Denn das ist der Sieg, der die Welt überwunden hat: unser Glaube.
Der Sündenfall des Menschen
Satans Rebellion zielte gezielt auf diejenige, die in einer untergeordneten Stellung stand und bereits Unzufriedenheit mit dieser Rolle zeigte. Adams Sünde bestand in jenem Moment nicht primär in offener Auflehnung, sondern in der Weigerung, seine Pflicht zu tun. Anstatt die Führung zu übernehmen, wurde er zum Folgenden. Dies entspricht der allgemeinen Neigung des Mannes: seine Sünde liegt meist in Passivität und der Verweigerung, Verantwortung zu übernehmen; die Frau hingegen neigt dazu, mehr auf sich zu nehmen, als ihre Verantwortung gebietet.
Die Verkündigung des Evangeliums an alle Völker war nicht erst nach der Auferstehung Auftrag der Gemeinde. Durch alle Jahrhunderte hindurch lag es an Israel, das Evangelium allen Nationen und Völkern zu verkünden. Zwar fehlt eine geschlossene Missionsgeschichte Israels, doch die Schrift gibt vielfache Hinweise darauf. Besonders anschaulich ist Psalm 87. Der Psalmist, einer der Söhne Korah, schaut auf die Pilger, die nach Zion, der Stadt Gottes, hinaufziehen: „Ich gedenke an Rahab und Babel unter denen, die mich kennen; siehe, Philister und Tyrus samt Kusch: dieser ist dort geboren.“ (Psalm 87,4). Ein Ägypter, ein Philister, ein Babylonier, jemand aus Tyrus, ein Kuschite — der Psalmist sagt von jedem: „Dieser ist dort geboren“, das heißt: in Zion, der Stadt unseres Gottes, wiedergeboren. Sie kommen als Pilger, als Gläubige. Auch Salomo bittet in seinem Weihegebet für den Tempel ausdrücklich darum, daß Gott derer gedenke, die von den Enden der Erde kommen, um am Tempel anzubeten; er soll sie segnen und ihre Gebete erhören, auf daß sie als mächtige Zeugen des Herrn in ihre Heimat zurückkehren. Die Schrift bezeugt also ein missionsmäßiges Wirken des alten Israel bis in die fernsten Winkel der Welt.
Es besteht aller Grund zu der Annahme, daß Adam und Eva nach dem Sündenfall errettet waren und auf den Erlöser harrten — wenn auch verfrüht. Als Kain geboren wurde, sagte Eva: „Ich habe einen Mann gewonnen mit Hilfe des Herrn.“ (1. Mose 4,1). Der Satz läßt sich so verstehen: „Ich habe den Einen gewonnen, den Mann.“ Sie hoffte, dies sei der Verheißene, der sie wiederherstellen würde — ein vorzeitiges Vertrauen, statt zu warten. Kain aber wurde der erste Mörder.
Satans Täuschung Evas, als er sprach: „Ihr werdet keineswegs sterben“, war offenkundig eine Lüge. Doch die Täuschung beginnt bei Satan selbst: Der erste, dem er log, war er selbst. Er glaubte vermutlich seine eigene Lüge, er könne Gott beiseitesetzen. Auf diesem Fundament operiert er seither; darauf gründete auch die Versuchung in der Wüste: die Erklärung der Unabhängigkeit von Gott, der Glaube, man könne es allein schaffen. Er ist der große Lügner, doch er belügt sich selbst und wiederholt jahrhundertelang: Es hat noch nie gewirkt, aber wenn ich die Lüge oft genug sage, wird sie gelingen. So ist er Selbstbetrogener wie Verführer. Milton schildert in Paradise Lost und Paradise Regained diesen Verfall meisterhaft: Nach dem Fall noch heroisch im Auftritt, in heldenhafter Rede vor den gefallenen Engeln, erscheint Satan zur Zeit der Versuchung Christi nur noch schäbig. Alles Heroische hat sich abgenutzt; übrig bleibt ein hinterlistiges, schmutziges Auftreten. Die Lüge nutzt sich ab.